Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Diesen Sommer entfällt die Sauregurkenzeit, Stoff für Nachrichten sind reichlich vorhanden. Wer wann wo was geschreddert hat, wer mit wem nicht regieren will - und außerdem verfolgen wir gespannt das verbale Catchen Heinz-Christian Strache und Herbert Kickl gegen Sebastian Kurz.
Da jetzt im ORF die Sommergespräche begonnen haben, geht es manchmal sogar um inhaltliche Themen. Es ist Wahlkampf, es ist was los.

Die Wörterbücher definieren Sauregurkenzeit als jenen Abschnitt des Jahres, in dem es regelmäßig an politischer und auch sonstiger Aktivität fehlt, in der sich saisonbedingt kaum etwas ereignet. Ein Synonym ist das Wort Sommerloch. Es wird üblicherweise mit kuriosen oder nebensächlichen Meldungen gestopft. Früher tauchte in diesen Tagen das Ungeheuer vom Loch Ness auf. Woher kommt der merkwürdige Ausdruck Sauregurkenzeit?

Dafür gibt es mehrere Theorien. Der Duden leitet das Wort aus der berlinerischen Kaufmannssprache ab. Gemeint sei die Zeit des Hochsommers, in der die Gurken reifen und eingelegt werden, in der Ferien sind und der Geschäftsbetrieb nicht allzu groß ist. Es wird also mit einer Koinzidenz argumentiert. Wenn die Gurken auf den Markt kommen, sind Ferien und es ist nichts los.

Wikipedia bringt eine andere Deutung. Ursprünglich sei eine Zeit gemeint gewesen, in der es nur wenige Lebensmittel gab. Ähnliche Ausdrücke seien das englische "season of the very smallest potatoes" ("Jahreszeit der kleinsten Erdäpfel") und "cucumber time" ("Gurkenzeit"). Letztere soll sich aber nicht auf Zeitungen bezogen haben, sondern auf arme Schneider, die, wie man im Volksmund witzelte, Gurken essen, wenn sie arbeitslos sind, und Kohl, wenn sie viel zu tun haben. Die nachrichtenarme Zeit in den Medien heißt in Großbritannien heute "silly season" - auch kein schlechter Begriff.

In der in Berlin erscheinenden Ausgabe der "Jüdischen Allgemeine" vom 5. August finde ich eine andere Ableitung. Demnach würde die geografische Verortung, nämlich Berlin, stimmen, die etymologische Herleitung nicht. Das Wort habe ursprünglich nichts mit Gurken zu tun gehabt. Die "Zores- und Jokresszeit" bezeichnete im Jiddischen die Periode der Leiden und der Teuerung. Die Begriffe leiten sich vom hebräischen zará/zarót (Not, Bedrängnis, Sorgen) und jakrút (Preisanstieg, Teuerung) ab, jiddisch zóre und jóker (teuer). Verwiesen wird auf Salcia Landmanns Buch "Jiddisch: Abenteuer einer Sprache", auf einige Wörterbücher des Rotwelschen und auf die allseits bekannte Tatsache, dass Berlin "eines der Einfallstore für rotwelsches und jiddisches Sprachgut in die deutsche Sprache gewesen ist".

Die Zeitung "Kladderadatsch" sei 1857 deshalb ziemlich richtig gelegen, als sie einer mageren wirtschaftlichen Periode die Zeilen widmete: "Beglückt der Mann,/der, von Geschäften fern,/In dieser Zeit des sauren Gurkentums/Hinaus kann eilen." Ein schlüssiger Beweis ist auch das nicht. Dass es den Ausdruck "Zores- und Jokresszeit" gegeben hat, ist unstrittig. Offen bleibt, wie daraus die lautlich recht weit entfernte Sauregurkenzeit geworden ist. Aber so richtig überzeugend sind die anderen Ableitungen wohl auch nicht.