Wäre ich Optimist, erschiene mir die Klimakrise - die sich langsam, aber stetig zur Vision der Apokalypse verfestigt - als gewaltige Chance, die Gesellschaft, die Wirtschaft, die Politik, das globale Staatengefüge, ja das Menschsein per se radikal neu zu denken.

Bin ich aber Optimist? Ich zweifle daran. Gelegentlich ja, wenn mich Nachrichten dieses Wortlauts ereilen: "Äthiopien will bis Oktober vier Milliarden Bäume pflanzen". Äthiopien, eines der ärmsten Länder der Welt! Respekt. Oder: "Island forstet auf: Eine kahle Insel soll wieder grün werden." Oder: "Pariser Regionalregierung bepflanzt ein Drittel aller Dächer mit Obst und Gemüse". Oder.

Wenn ich dann aber zeitgleich lese, dass der aktuelle Präsident Brasiliens es zulässt, ja fördert, dass das Amazonas-Regenwald-Gebiet in dramatischer Weise (Juli: plus 278 Prozent) abgeholzt wird, verliere ich umgehend wieder den Glauben an die Menschheit. Und noch ist das Verdrängungspotenzial groß: Wir spüren erst seit wenigen Jahren am eigenen Leib, was Klimawandel bedeutet, und es soll immer noch selbsternannte Experten geben, die ihn leugnen. Von jenen Politikerinnen und Politikern ganz abgesehen, die meinen, ein paar symbolische Maßnahmen da und dort würden dagegen ausreichen - zumindest, um weiter ungeniert Wählerstimmen von Gutgläubigen und Nichtsahnenden einzusammeln.

Ist der humanoiden Spezies der Hang zum Untergang in die DNS eingeschrieben? Bezeichnenderweise sind fast alle Märchen und Sagen der Zukunft - Sie finden sie in der Buchhandlung vornehmlich in der Ecke für Science Fiction & Fantasy, sollten aber auch einen Abstecher in die Sachbuch-Abteilung nicht scheuen - keine positive Utopien, sondern düstere, zumeist ausweglose Dystopien. Wenn Aliens auftauchen (ein gern genommenes Sujet der Projektion aller menschlichen Ängste und Abgründe), sind es selten Wesen, von denen man lernen könnte, sondern Zielobjekte einer reflexhaften Vorwärtsverteidigung. Die meist tödlich endet.

Zurück zur hausgemachten Tragödie dieses Planeten. Auch wenn Utopisten von technologischen Möglichkeiten im globalen Maßstab ("Terraforming") schwadronieren, läuft uns für eine Reparatur der Systemdefekte schlicht die Zeit davon. Und sie wird in annähernd jeder Denkariante - Wunder ausgeschlossen! - nicht ohne massive Eingriffe in den (in der westlichen Hemisphäre vergleichsweise luxuriösen) Status Quo abgehen. Geopolitisch, national, regional, lokal, höchstpersönlich.

Es war ausgerechnet der linksliberale "Stern", der erstmals im deutschsprachigen Raum in einem Mainstream-Medium das kommende Zeitalter der Restriktionen und Verbote ausrief. Noch harmlos introduziert als Meinungskommentar, aber man ahnt, dass die Umbrüche, Disruptionen und Notwendigkeiten der nächsten Jahre und Jahrzehnte rascher ins Haus stehen, als wir es uns noch vor kurzem träumen ließen.

Ist eine Diktatur unter dem unbedingten Willen des Überlebens links? Rechts? Undenkbar? Jenseitig? Purer Pessimismus? Der einzig mögliche Ausweg? Sprechen Sie mich in fünf Jahren gerne noch einmal auf diese Zeilen an.