Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.
Matthias G. Bernold, geboren 1975, lebt als Journalist in Wien.

Eine Kinderscheibtruhe über dem Kopf, damit mich kein Hagelkorn bewusstlos schlägt, laufe ich vom Campingplatz-Büro zum Zelt. Die Kastanien-großen Hagelkörner fallen so dicht, dass der Lagerplatz aussieht, als hätte ihn jemand mit Eiswürfeln geschottert. Vor dem Regen brauche ich mich nicht zu schützen: ich bin so durchnässt, dass mir das Wasser in den Hosen die Beine herunterrinnt. Sorgen mache ich mir um meine Zehen: Wie lange dauert es, bis eine Zehe abfriert?

Rückblende: Vor nicht einmal fünfzehn Minuten waren wir mit dem Zeltaufbau fertig geworden. Mittels Kompass hatten wir den besten Platz erkundet: Morgensonne und Tagesschatten. Nur der Untergrund etwas hart für die Heringe. Mein fast dreijähriger Sohn steuerte zufrieden seinen Traktor im Sand des Beachvolleyballplatzes und brummte Motorengeräusche. Eine Freundin saß auf der Picknick-Decke und bestrich Jausen-Brote, und meine Frau ging die Frisbee aus dem Bus holen. So schmeckt Urlaub, Freunde! Lasst mich Bier kaufen gehen, um auf das Hochtor und all die anderen Gipfel ringsum zu trinken! Dann färbte sich der Himmel gelb, es begann zu tröpfeln. Und fünf Minuten später fegten die Reiter der Apokalypse durch das Gesäuse.

Momente wie dieser sind von rarer Qualität. Urbaner Alltag und Digitalisierung nehmen der Natur viel von ihrer Unberechenbarkeit. Wo es nur möglich war, hat der Mensch die Naturgewalten in die dicken Matten der Zivilisation gepackt. Zurück bleibt eine unendliche Sehnsucht nach Wildnis und Ursprünglichkeit, die sich nur ansatzweise durch Bergwandern, Zelten und den Erwerb von Ausrüstungsgegenständen stillen lässt.

Alles könnte so romantisch sein, wären nicht die vielen Apps, die Bergwetter und Regen mit erschreckender Genauigkeit vorhersagen. Es mag an der Klimakrise liegen, dass die Naturgewalten die Wetter-Prognosen ab und zu in die Irre führen. "Den Großteil des Tages sonnig", hatte es geheißen. Nur kurz vorm Unwetter hatte ein Wetter-Redakteur noch den Halbsatz "zeitweise wechselhaft, Regenschauer möglich" zugefügt.

So stehe ich mitten im Wechselhaften vor dem Tunnelzelt, in das sich unsere Freundin mit unserem Sohn geflüchtet hat. Jetzt ist es unterspült. Picknick-Decke, Taschen und Jause treiben auf der Lagerwiese umher. Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist mir klar, dass wir diese Nacht nicht im Zelt verbringen werden. "Geht es euch gut?", rufe ich mit lauter Stimme, die Sicherheit suggerieren und das Unwetter übertönen soll. Es dauert eine Zeitlang, bis ich meinen Sohn drinnen kichern höre. "Ja, geht gut, Papa. Es ist sehr lustig. Bälle fallen auf das Zelt."

Mission erfüllt. Wildniserfahrung gemacht. Lebendig gefühlt. Wir konnten nach Hause fahren.