Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Der Kapitalismus als herrschende Ideologie der Ideologielosigkeit ist seiner Natur nach gerne grenzenlos. Er fordert grenzenloses Wachstum, um grenzenlose Ausbeutung zu ermöglichen, die grenzenlose Ungerechtigkeit schafft, damit ein paar wenige grenzenlos reich werden. Um das zu rechtfertigen, wird grenzenloser Blödsinn verzapft.

Das Märchen der "Trickle down"-Ökonomie etwa, das uns erzählt, dass großer Reichtum irgendwo, irgendwie, irgendwann in die niedrigeren Gesellschaftsschichten durchsickert. Auf Deutsch nennt man das "Pferdeäpfel-Theorie". Der Name macht auch deutlich, was die ärmeren Menschen erwarten dürfen: einen Scheiß. Und so kommen auch weiterhin die Gewinne und Vorteile einigen wenigen zugute und die Verluste, Nachteile und Zerstörungen werden an die große Masse weitergereicht.

Und genau hier stößt die kapitalistische Grenzenlosigkeit an ihre Grenze. Denn irgendwo muss ja ein Strich gezogen werden zwischen Oberschicht und dem ahnungslosen Rest. Zwischen Shareholder und Leergut-sammler, zwischen Golfplatzreife und Golfparkplatz, zwischen erster und letzter Welt. Und an diesen Knackpunkten tritt die grenzenlose kapitalistische Kreativität auf den Plan. So werden dann Reichenghettos zu "gated communities" umgedichtet, Gefängnisse für Migranten zu "Hot Spots" und Nachrichtensperre zu "Message Control".

Und natürlich braucht man auch Leute, die diese Grenzen bewachen. "Sicherheitsdienste" - und niemand fragt, in wessen Dienst und zu wessen Sicherheit. Gibt es jetzt auch für ganz Europa. "Frontex" heißt die Agentur. Und wenn die mitbekommt, dass andere Grenzschutzeinheiten aus Bulgarien, Ungarn oder Griechenland Menschenrechtsverletzungen begehen, weil sie etwa Flüchtlinge misshandeln oder exzessiv Gewalt anwenden, dann macht Frontex . . . was?

Das erklärt Krzysztof Borowski, ein Sprecher der Agentur: "Wir haben einen speziellen Mechanismus, wie uns Beamte auf so was hinweisen können. Dann treten wir mit dem Staat in Kontakt, um die Situation zu diskutieren. Wir informieren sie, was los ist, und haben dann eigene Wege, damit umzugehen. Es hat Konsequenzen, potenzielle Konsequenzen. Am Ende können wir die Operation beenden, wenn nötig." Leider hat Frontex diese Möglichkeit noch nie genutzt, sagt der Sprecher, wenn man ihn noch einmal danach fragt.

Wenn das nicht die grenzenloseste Überschreitung der Grenzen des Sagbaren ist: die Erfindung der "potenziellen Konsequenzen". Und sehr nachahmenswert. Der Nachbar schlägt seine Frau jeden Freitag grün und blau? Drohen Sie ihm mit potenziellen Konsequenzen. Der pubertierende Nachwuchs hat den Familienschmuck verkauft, um sich seine Crystal-Meth-Sucht zu finanzieren? Stellen Sie ihm potenzielle Konsequenzen in den Raum. Das Donaukreuzfahrtschiff lädt seinen Müll, samt Essensresten und Schwermetallen, auf ihrem Ufergrundstück in Kritzendorf ab? Kein Problem! Potenzielle Konsequenzen werden folgen! Und dann lehnen Sie sich zurück im guten Gewissen, alles Unmenschenmögliche getan zu haben, nämlich: nichts. Und dann machen Sie es wie die Frontex und schreiben auf den Akt: Fall geschlossen. Und wieder ist eine Grenze dicht.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

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