Die täglichen Eilt-Meldungen zum Klima-Thema überschlagen sich. Kühe seien mithin gefährlicher als Bären und Wölfe, weil sie Touristen attackieren und noch vielmehr, weil sie klimawirksames Methan ausscheiden.

Während ich diesen Text schreibe, bimmeln die Glocken am Hals zweier Kälber, die das Gras hinter unserem Haus kurz halten. Die kräftigen Grauviehkälber wachsen Woche für Woche sichtbar, indem sie das Gras in Muskel- und Knochenmasse umwandeln. Die beiden werden nicht geschlachtet, sondern, wenn sie erwachsen sind, zur Zucht eingesetzt. Ihre Kälber wiederum werden vielleicht in zwei Jahren auch wieder hinter unserem Haus grasen.

Wenn ich die zwei anschaue, freue ich mich über ihre Schönheit - und darüber, dass sie ein gutes Leben haben werden, weil sie im Sommer gealpt werden und nur den Winter über im Stall stehen müssen. Im Sommer fressen sie Gras, im Winter Heu und Grassilage. Sie werden dereinst auch bei weitem nicht so viel Milch geben wie etwa die Bewohnerinnen eines in Baden-Württemberg geplanten "Milchparks". Diese Kühe sollen mit 12.000 kg bis zu 7000 kg mehr Milch pro Jahr als die beiden hinter meinem Zaun liefern. In so einem Milchpark leben bis zu tausend Kühe, die kaum mit dem Gras aus der Umgebung das Auslangen finden dürften. Und die von ihnen erzeugte Güllemenge dürfte alles übersteigen, was man bisher kannte.

Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.
Stefanie Holzer, geboren 1961, lebt als Schriftstellerin in Innsbruck.

Dennoch ist es ein bisschen vorschnell, die Kuh als Klimaschädling vorzuführen. Es gibt nun einmal Gegenden auf unserem Planeten, die sich für Ackerbau nicht eignen. Im Alpenraum ist die Kuh neben Schafen und Ziegen dafür da, die Landschaft vor der kompletten Verwaldung zu schützen. Wenn die Landschaft zuwächst, wird es finster um uns herum. Das ist dem Städter egal, denn er dreht einfach das Licht auf, im Haus, auf der Straße, wo immer. Ich dagegen bin froh, wenn die Waldbäume einen Abstand von wenigstens fünfzig Metern zum Haus halten. Wer im Bergland lebt, weiß sonnige Lichtungen im Wald zu schätzen.

In der Stadt bittet man um Steuern auf Fleisch, damit endlich Schluss ist mit dem Fleischkonsum. Weil die Reichen sich ihr Schnitzel und ihren Tafelspitz trotz Preisanstiegs nicht nehmen lassen werden, wird der nächste Schritt wohl die Rationierung sein. Erst wenn man Fleischbezugsscheine austeilt, die wir - nach dem Motto "Ehre wem Ehre gebührt" - Kromp-Kolb-Bons nennen könnten, hört sich der Fleischverzehr wirklich auf. So ähnlich lauten wohl die Phantasien. Ich frage mich, ob sich Städter vorstellen können, dass Klein- und Mittelbauern aus dem Alpenland ihren Groll über das Unverständnis ihrer Lebensform gegenüber vielleicht auch einmal stadtnah ablassen?