Kein spritziger Titel, kein spritziger Typ: Aber so viel Solidität, Alltagsvernunft und Zuversicht findet man selten, nicht nur in der SPD . . .
Kein spritziger Titel, kein spritziger Typ: Aber so viel Solidität, Alltagsvernunft und Zuversicht findet man selten, nicht nur in der SPD . . .

Weder bin ich stimmberechtigt - noch steht er zur Verfügung. Würde ich aber den künftigen SPD-Chef mitbestimmen dürfen, wäre ich für Franz Müntefering. Er war das zwar schon zwei Mal (2004/05, 2008/09), mit - sagen wir - mäßiger Fortüne (seine 23 Prozent bei der Bundestagswahl 2009 wären heute freilich schon ein Riesenerfolg). Trotzdem erschiene mir der mittlerweile 79-Jährige (hallo, da sind italienische Staatspräsidenten früher gerade erst einmal ins Politikeralter gekommen!) als der passende Mann zur passenden Zeit. Und er kann sich die Position natürlich gerne mit einer Frau teilen - es soll ja eine Doppelspitze in der zuletzt so glücklosen Partei installiert werden (auch wenn das nicht alleine schon deswegen ein erfolgreiches Modell sein muss, nur weil es bei den deutschen Grünen derzeit so gut funktioniert).

Nicht so aufgeblasen wie Lafontaine (den er für den Abstieg der SPD - wohl zurecht - hauptverantwortlich macht), nicht so eitel wie Schröder (mit dem er freilich eng zusammenarbeitete, und der am Niedergang auch nicht ganz schuldlos ist), und schon gar nicht so unstet und teilweise unfähig wie Schulz und Nahles, die letzten beiden Vorsitzenden der einst so stolzen und einflussreichen deutschen Sozialdemokratie - verkörpert der knorrige Sauerländer einen soliden Pragmatismus, gepaart mit Zuversicht und Lebensfreude, wovon die ausgezehrte, freudlose Partei in jeder Hinsicht profitieren könnte.

Diese munteren Eigenschaften zeigt Müntefering nicht nur regelmäßig bei Auftritten in TV-Talkshows (es kann ja auf Dauer nicht so sein, dass dort immer nur Ex-Politiker lebensfroh und befreit erscheinen!), sondern auch in einem Buch, dessen Titel ("Unterwegs. Älterwerden in dieser Zeit", Dietz, Bonn 2019) zwar nicht gerade von Esprit zeugt, in dem aber - ganz der Art dieses maßvollen Politikers entsprechend - viele Lebensweisheiten und grundvernünftige Betrachtungen stehen.

Gerade das unspektakuläre Aufbauprogramm fürs Älter- und auch Altwerden (ein dreifaches "L" - für Laufen, Lachen, Lieben - steht allgemeiner für: Bewegung, Freude, Leidenschaft; und: Weg mit Teppichen, "nagelt sie an die Wand!") ist demographisch genau die richtige und zeitgemäße Botschaft, nicht nur für SPD-Wähler. Den Alten gehört generell Mut gemacht - davon haben alle was.

Und wer, wie Müntefering, ein derart großes Herz für Bücher hat, Camus und Brecht gleichermaßen liebt, und erst recht den hinreißenden polnischen Aphoristiker Stanisław Jerzy Lec (1909-1966) - "Schwimmer gegen den Strom dürfen nicht erwarten, dass dieser seine Richtung ändert"; "Auch zum Zögern muss man sich entschließen"! -, dem gehört alleine schon deswegen meine Sympathie.

Dass er, der ambitionierte Wort-Spieler, ausgerechnet im Politikkapitel seines Buches dann zu Wort-Styropor neigt, zeigt die gegenwärtige Sprachmisere auf diesem Feld. Aber das kriegen die Jungen auch nicht besser hin, weder da noch dort. Viel von dem, was für Müntefering spricht, gilt in Österreich übrigens für Ferdinand Lacina. Auch der wäre für die SPÖ heute noch von großem Wert.