Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Eine der großen Fragen der Menschheit im 21. Jahrhundert ist zweifellos: Wohin mit dem Dreck? Ob Atommüll, Plastikabfall oder jenes Drittel der Lebensmittel, das nach dem Erwerb ungegessen weggeworfen wird, immer bleibt am Schluss die Frage: "Wohin?" Atommüll zum Beispiel ist so zahlreich wie bekannt auf der Welt. Aber die Prominenz hilft ihm nicht, im Gegenteil: Keiner will ihn haben. So beliebt wie ein Steuerfahnder auf Jersey, so begehrt ist Atommüll im Kellerabteil. Daher leitet Großbritannien radioaktive Abfälle in die Irische See, Frankreich in den Ärmelkanal, Russland versenkt nach Lust und Laune Brennelemente mit Burnout auch einmal im Polarmeer. Dort wird auch gerne Kabeljau gefangen. Vielleicht sollte man den Kindern daher beibringen, Fischstäbchen nicht nur mit Messer und Gabel, sondern auch mit Geigerzähler zu essen. Und wer jetzt noch was über "grüne" Atomkraft erzählen will, dem sollte man ein Sabbatical in der Präfektur Fukushima spendieren. Dort liegt das Zeug sogar auf Kinderspielplätzen und in Vorgärten vergraben. Da muss man nur ein paar tausend Jahre drauf aufpassen, dann ist alles wieder gut.

Ähnlich langmütig ist Plastikmüll. Der strahlt zwar nicht, dafür lässt er sich Parmesan-ähnlich zerreiben und dreht als Mikroplastik eine Runde einmal um den Globus. Dieser Tage war zu hören, dass sich die sicher extrem gesunden Mikropartikel auch schon im Wasser der Arktis finden. Ich finde, je mehr man weiß, desto besser schmecken die Fischstäbchen. Wenn die undankbare Brut allerdings die gebackenen Eiweißriegel mit dem ungewissen Etwas dennoch nicht aufisst (Warum? Haben die vielleicht nachgedacht, was da drinnen sein könnte?), landet das Essen im Müll. Im Biomüll natürlich. Das Landvolk, aber auch der verantwortungsvolle Großstädter hat ja möglicherweise eine Kompostiergelegenheit. Am Land in Form eines Haufens hinterm Haus, in der Stadt in einem kleinen, schicken Plastikgeschirr voll Würmer neben der Abwasch. Oder man trägt das ehemalige Essen brav zur sogenannten Biotonne. Die ist auch aus Plastik, aber grün angemalt, weil das so hübsch öko aussieht.

Bei diesem Gang sollte man allerdings aufpassen, dass man nicht ins Stolpern gerät. Sonst überschlägt man sich vielleicht auf der Treppe, der Eimer samt stark olfaktorischer Biomasse dreht eine Runde in der Luft und landet dann womöglich direkt auf dem eigenen Haupte. Gut, einerseits gibt es dann ein herzerfrischendes Wiedersehen mit alten Bananenschalen, angeschimmelten Kaffeepads und den Eierschalen von vorgestern, andererseits wird die Freude wahrscheinlich nasal etwas getrübt. Was tut man dann? Entweder aufräumen und duschen, oder Sie machen es wie die ÖVP und schreien einfach "Schmutzkübelkampagne!" durchs Stiegenhaus. Das macht sie zwar kurzfristig zum bemitleidenswerten Opfer ihrer eigenen Ungeschicklichkeit, hilft aber hygienisch eigentlich nicht weiter. Denn klar ist: Auch wenn Sie noch so laut brüllen, der Dreck, der da stinkend an Ihnen hängt, stammt von Ihnen selbst. Das ist im Leben so. Und in der Politik erst recht. Oder anders gesagt: Im Schmutzkübel ist nur drin, was bei einem selbst raus kommt.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

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