Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Das aktuell häufigste Wort in der politischen Berichterstattung ist Postenschacher. "Casinos-Postenschacher wird zur Justizaffäre", titelte "Der Standard". "Kaum ein Tag, an dem nicht eine neue Ungeheuerlichkeit oder zumindest ein neuer Verdacht ans Tageslicht kommt. Es geht um Postenschacherei, Korruption und Bestechung", schrieb die "Krone". Und "Die Presse" wusste, "wie der Personalberater vor dem Postenschacher warnte".

Ich hatte das Gefühl, dass Postenschacher ein typisch österreichischer Ausdruck ist. Ein Blick in Jakob Ebners neu aufgelegtes Duden-Wörterbuch mit dem Titel "Österreichisches Deutsch" bestätigt das. Postenschacher ist nur österreichisch, nicht gesamtdeutsch. Er wird definiert als "Vergabe von Stellen ohne öffentliche Ausschreibung und aufgrund politischer Übereinkunft". Postenschacherei ist eine Art Verstärkung, Wörter mit -ei drücken meist aus, dass uns etwas auf die Nerven geht: die Kocherei an heißen Tagen zum Beispiel.

Mir geht es hier nicht darum, politische Ereignisse mit komplexen juristischen Aspekten zu bewerten. Ich befasse mich mit dem Wort aus sprachwissenschaftlicher Sicht. Woher kommt es? Gibt es vergleichbare Wörter in Deutschland?

Der zweite Wortteil von Postenschacher ist eine Substantivierung des gesamtdeutschen Verbs schachern. Es hat mehrere Bedeutungen: den Preis drücken, handeln, feilschen. Im eigentlichen Sinn wird um den Preis einer Ware geschachert, im übertragenen Sinn um Ämter und Posten. Der Ausdruck kommt aus der Gaunersprache und geht auf ein hebräisches Wort zurück, das "Handel treiben" bedeutet. Da die Juden über die längste Zeit aus dem wirtschaftlichen Leben ausgeschlossen waren - sie durften beispielsweise nicht den Zünften beitreten und konnten deshalb keine Handwerksberufe ergreifen -, verlegten sie sich auf den Handel und auf Geldgeschäfte. Dadurch entstanden stereotype Vorstellungen, die ihre Berufsausübung in ein schiefes Licht rückten. In Postenschacher hat sich diese abwertende Bedeutung erhalten, sie ist aber verblasst, das heißt nicht mehr als antisemitisch erkennbar.

In Deutschland gibt es Ausdrücke mit ähnlichem Wortsinn. Vetternwirtschaft ist laut duden.de "die Bevorzugung von Verwandten und Freunden bei der Besetzung von Stellen, bei der Vergabe von Aufträgen oder Ähnlichem ohne Rücksicht auf die fachliche Qualifikation, Eignung usw." Die Deutschen haben außerdem noch das Wort Klüngelei. Unter Klüngel versteht man "den Zusammenschluss zu einer ganz auf die Vorteile ihrer Mitglieder eingestellten Interessengruppe". Das Wort geht auf althochdeutsch clunga
(= Knäuel, im Sinne von Zusammengeballtes) zurück.

Das bildungssprachliche Wort Nepotismus ist im gesamten deutschen Sprachraum in Verwendung. Es geht auf italienisch nepotismo zurück, dieses auf lateinisch nepos (Genetiv nepotis) mit der Bedeutung Enkel und Neffe. Meist wird darunter nur die Bevorzugung von Familienmitgliedern verstanden.

Postenschacher ist also ein Wort des österreichischen Deutsch, ein Austriazismus. Es hat kein exaktes Äquivalent im deutschländischen Deutsch, aber dort gibt es ähnliche abwertende Ausdrücke - und auch ähnliche Phänomene.

Robert Sedlaczek ist
Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.