Wenn Politiker heutzutage in den Wahlkampf ziehen, so bedienen sie sich eines ganzen Teams von Spezialisten, die ihre Arbeit bequem vom Computer aus bewerkstelligen. Schließlich bringen Postings auf Facebook & Co. bei Weitem mehr Aufmerksamkeit als das mühevolle Händeschütteln auf Zeltfesten und in Gasthäusern. Social Media sind der Schlüssel zum politischen Machtgewinn und werden von den Parteien im eigenen Sinne genutzt. So ist es möglich, auch in einer Massengesellschaft Wähler persönlich zu erreichen und zu emotionalisieren.

Dies aber ist keinesfalls neu: Schon im alten Rom, das für Jahrhunderte eine Staatsform hatte, die man damals Res publica nannte und die durchaus demokratische Elemente enthielt, versuchten die wahlwerbenden Persönlichkeiten, ihre Mitbürger persönlich anzusprechen und so zu politischen Gefolgsleuten zu machen. Dies vollzog sich beim täglichen Gang über das Forum Romanum, in der Antike das politische wie wirtschaftliche Zentrum der Metropole Rom; dort war der Kontakt zur Wählerschaft am einfachsten möglich, weshalb die Kandidaten hier täglich ihre Runden drehten.

Dabei wurden sie von den Nomenclatores begleitet. Diese "Namensgeber" waren darin geschult, sich die Namen einflussreicher Persönlichkeiten zu merken und dem wahlwerbenden Politiker bei Bedarf einzuflüstern. Andere Mitglieder des Wahlkampfteams wurden in die Vergnügungsviertel Roms geschickt, um dort Stimmung für den eigenen Kandidaten zu machen und negative Gerüchte über den Gegner zu verbreiten. Diese Rumores konnten im sittenstrengen Rom allzu schnell das Ende politischer Ambitionen bedeuten. Der Begriff "Ambition" hat übrigens direkt mit dem Wahlwerben im alten Rom zu tun, dort nannte man nämlich das Ringen um Wählerstimmen an sich Ambitio.

Es ist ein historischer Glücksfall, dass eine Abhandlung erhalten geblieben ist, die den Titel Commentariolum petitionis (etwa: "Kleiner Wahlkampfratgeber") trägt und in der sich manch erstaunlich modern anmutender Ratschlag findet: "Schmeichle den Wählern ungeniert." - "Versprich allen alles." - "Umgib dich mit den richtigen Leuten." Ob diese moralisch fragwürdigen Tipps wirklich aus dem Umkreis des berühmten Politikers und Philosophen Cicero stammen, ist umstritten; manche Philologen halten das Werk für eine rhetorische Übung der Kaiserzeit, als die Wahlkämpfe längst zu einem politisch kaum noch relevanten Ritual erstarrt waren.

Auf jeden Fall aber offenbart dieser antike Ratgeber unverblümt die Skrupellosigkeit wahlwerbender Männer, die schon vor 2000 Jahren in ähnlicher Weise argumentierten wie Ibiza-beschädigte Politiker hierzulande.