Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

"Der Ärger ist vorprogrammiert." Darf man das schreiben und sagen? Sprachpuristen meinen: Nein, auf keinen Fall. Man programmiert den Videorekorder, damit er etwas aufnimmt, den Wecker, damit er einen weckt, und auch Computer werden programmiert. Auf gleiche Weise sei ein Ärger nicht vorprogrammiert, sondern programmiert.

Die spitzfindige Argumentation lautet: Wenn etwas vorprogrammiert ist, dann handelt es sich um eine unnötige Verdoppelung. Denn eine Programmierung erfolgt immer im Vorhinein.

Aber viele Menschen - auch ich gehöre dazu - unterscheiden, worum es geht. Bei Geräten verwende ich das Verb programmieren, bei abstrakten Wörtern die um ein Präfix erweiterte Form. Einmal wird in einem Gerät eine Zeituhr eingeschaltet, das andere Mal wird eine schlimme Entwicklung als vorgezeichnet und unvermeidlich dargestellt. "Mit der Beschlagnahme des Tankers ist eine Verschärfung des Konflikts vorprogrammiert." Umgekehrt würde ich nie sagen: "Ich habe den Videorekorder vorprogrammiert."

Eine ähnliche Diskussion betrifft das Wort aufoktroyieren. Einige meinen, die Vorsilbe auf- dürfe nicht vorangestellt werden, denn sie sei inhaltlich bereits in dem Verb oktroyieren enthalten. Ich sehe das anders: Das Wort oktroyieren bedeutete ursprünglich "bewilligen, gewähren", durch die Vorsilbe auf- entstand eine neue Bedeutung: "aufdrängen, aufzwingen".

Und was halten Sie von Rückantwort? Ist das ebenfalls eine unnötige Verdoppelung? Auch hier kam es zu einer Differenzierung. Unter Rückantwort verstehen wir die Antwort auf eine Frage, die in schriftlicher Form gestellt wurde: mittels Brief oder E-Mail. "In Erwartung Ihrer geschätzten Rückantwort verbleibe ich mit besten Grüßen." Wenn sich dasselbe im Rahmen einer mündlichen Kommunikation abspielt, ist Rückantwort fehl am Platz. Dann verwenden wir den althergebrachten Ausdruck Antwort. "Warum gibst du mir keine Antwort, wenn ich dich etwas frage?"

Ein letztes Beispiel: Beim Wort Super-GAU wurde lange Zeit argumentiert, dass mit GAU der "größte anzunehmende Unglücksfall" gemeint sei. Der Ausdruck lasse sich daher nicht mehr steigern.

Der Ausdruck stammt allerdings aus der Frühzeit der Kernenergienutzung in den USA. Gemeint waren hochgradige Störfälle, die aber konstruktionstechnisch zu bewältigen sind und zu keiner Kontamination der Umwelt führen. Die Unfälle in Three Mile Island und Sellafield, und ganz besonders in Tschernobyl und Fukushima waren aber mehr als das: "auslegungsüberschreitende Störfälle". Sie werden daher als Super-GAUs bezeichnet. Das aus dem Lateinischen kommende Präfix super- tritt hier mit dem klassischen Wortsinn in Erscheinung: "über, darüber hinaus." Dass im Wort GAU die Bedeutung "größter anzunehmender Unfall" steckt, spielt keine Rolle mehr. Deshalb darf Super-GAU auch im übertragenen Sinn verwendet werden: "Eine Parteispaltung wäre der Super-GAU."

Für all diese Fälle gilt: Die Sprecher entscheiden, wie sich die Sprache entwickelt. Wenn ein Wort verändert oder in seinem Gebrauch neu bewertet wird, dann müssen auch die Wörterbuchmacher eines Tages nachziehen und die Neuerung akzeptieren.

Robert Sedlaczek ist
Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.