Andreas Rauschal, 1984 in Vöcklabruck geboren, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.
Andreas Rauschal, 1984 in Vöcklabruck geboren, ist Redakteur im "extra" der Wiener Zeitung.

"Ich wundere mich nicht, dass die Menschen böse sind, aber ich wundere mich häufig, dass sie sich nicht schämen." Diese Aussage des irischen Autors Jonathan Swift (1667-1745) ist in verschiedener Hinsicht und vor allem auch rückblickend interessant.

Zum einen wird man sie schnell bestätigt finden, wenn man den Fernseher oder das Internet aufdreht und der Menschheit dabei zusieht, wie sie ganz offensichtlich gerade dabei ist, wieder einmal böse oder schamlos oder beides auf einmal zu sein. Das geht quer durch die Gesellschaften und Erdregionen, hat also mit dem neuesten Tweet von Donald Trump genauso viel zu tun wie mit Stellungnahmen aus heimischen Parteizentralen in Zeiten des Wahlkampfs, der neuesten Runde im "Dschungelcamp" oder der Anwendung des Neffentricks in einem Seniorenheim in Laa an der Thaya.

Zum anderen wird dadurch mitunter ein Gefühl des Fremdschämens ausgelöst, das überhaupt erst erklärt, welchen Bedeutungswandel der Begriff Scham durchlaufen hat. Von der Scham als Möglichkeit von Herrschaft und Unterdrückung, wesensverwandt mit meiner Schuld, meiner Schuld, meiner großen Schuld im Katholizismus, über die Befreiung davon als Folge der Aufklärung und Punk-Ideal reicht die Palette, an deren Rändern es heute darum geht, entweder exakt keinen Genierer zu haben - oder sich politisch korrekt selbst zu beschränken. Ganz grundsätzlich sind wir natürlich dagegen, dass irgendjemand wegen irgendetwas rot anlaufen sollte. Spätestens aber, wenn man einen Instagrammer beim Instagrammen vor der Nase hat, der sehr von sich begeistert ist, obwohl man selbst nicht mehr weiß, von wo und wie man noch wegschauen soll, wird deutlich, dass die Sachlage doch komplizierter ist. Irgendwer schämt sich immer. Meistens sind es die Falschen.

Eher nicht vorausahnen konnte Jonathan Swift im 18. Jahrhundert die Erfindung des Bobos. Immerhin dürfte es im entsprechenden Milieu heute keine Party mehr geben, auf der das Gespräch nicht irgendwann darauf hinausläuft, warum man heuer - Stichwort Flight-Shaming - lieber Urlaub am Faaker See oder im Walsertal macht, als auf Reisen die Welt zu entdecken. Wobei so eine Konversation schon einmal eskalieren kann, wenn sie beim Abendessen stattfindet, Rind serviert wird und man das Thema dann auf Beef- bzw. Meat-Shaming lenkt. Von Diskussionen über in Plastik verpackten Käse zum Nachtisch, den Kaffee, der nicht Fair Trade ist, das Fehlen eines Biokistl-Abos im Haushalt oder der überhaupt freundschaftsbedrohenden Aussage "Für mich bitte keinen Wein, ich bin mit dem Benziner da" einmal ganz abgesehen.

Ich selbst habe mich übrigens auch schon einmal in Grund und Boden geshamed. Ich will darüber aber nicht sprechen.