Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Vor ein paar Wochen habe ich es dann doch getan. Lange hatte ich den Gedanken vor mir hergewälzt, jedes Mal verworfen, zuletzt gelang es mir dann, mich umzustimmen: Ich kaufte mir wieder ein Fahrrad. Mein voriges, mit dem ich ein Vierteljahrhundert lang unterwegs war, hatten böse Menschen eines Nachts abmontiert. Ich fand mich damals zwar schweren Herzens damit ab, nun in der Stadt nur noch mit Bus, Tram und U-Bahn unterwegs zu sein, betrachtete den Verlust jedoch auch als möglichen Wink des Schicksals, das mich vor etwaigen Unfällen bewahrt hatte. Vom Guten des Schlechten, um einen Watzlawick-Titel abzuwandeln.

Es war ein Impulskauf. Ein Mann trat aus einem Haus in meiner Straße, wollte sich in den Sattel eines wunderschön altmodischen Fahrrads schwingen, ich fragte ihn nach dem Händler, er nannte mir die Adresse, und am selben Tag betrat ich bereits das kleine Geschäft in der Leopoldstadt. Meine Wahl fiel auf den Nachbau eines italienischen Modells aus den 1940er Jahren mit nach hinten gebogener Lenkstange, nur einem Gang, Farbe "Pistacchio". Die Proberunde durch das Grätzel war völlig überflüssig: Ich wusste beim Aufsteigen bereits, womit ich den Heimweg - im Sinn des Wortes - antreten würde.

Dass man Radfahren nicht verlernt, ist eine Tatsache, dass die Verhältnisse auf Wiens Straßen in den vergangenen zehn Jahren andere geworden sind, auch. Damals musste man sich noch nicht mit Elektrorollern, E-Bikes und Segways herumschlagen, die einem heutzutage um die Ohren sausen.

Das Fahren auf dem Radweg hat seit Längerem den Reiz des gelassenen Dahingleitens verloren, Geschwindigkeit diktiert auch dort das Geschehen. Trotzdem freute ich mich wie ein Schneekönig über meine wieder erlangte Art der Fortbewegung, befuhr ausgewählte Viertel, die ein gemächliches Tempo erlauben, und fühlte mich wie geradewegs einem Film mit Marcello Mastroianni entstiegen.

Dann kam der Urlaub. Mein Fahrrad wurde in dem dafür vorgesehenen Abstellraum verstaut, und wir begaben uns auf eine herrliche Reise quer durch Österreich, die wir an einem Kärntner See ausklingen ließen. Unser Gastwirt bot neben Fahrrädern auch die notwendige Gerätschaft zum "Stand-up-Paddeln" an - eine Fortbewegungsart, die beim erstmaligen Versuch jede Menge Geduld erfordert, bis man sich auf dem aufblasbaren Surfbrett halten und dazu noch Richtungsänderungen bewerkstelligen kann.

Ich darf mich rühmen, innerhalb der ersten Stunde nur zweimal ins Wasser gefallen zu sein. Passiert dies nicht, so ist das stehende Paddeln an Gemächlichkeit kaum noch zu überbieten. Eine Fahrt mit meinem Nostalgierad ist dagegen ein wahrer Geschwindigkeitsexzess. Vom Ankauf eines solchen Geräts in einem Klagenfurter Spezialgeschäft nahm ich dann allerdings Abstand und beließ es beim Erwerb eines knallroten T-Shirts. Dieses macht sich im Zusammenspiel mit dem pistaziengrünen Fahrrad auch recht gut.