Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Auch das Klatschen unterliegt der Mode. Vor ein paar Jahren war es etwa noch Gang und Gangway, im Flugzeug nach der Landung zu klatschen. Meiner Meinung nach völlig zu Recht. Ich finde es nur legitim, der Crew, die einen wieder sicher auf den Boden gebracht hat, Respekt und Anerkennung zu zollen. Dann ist aber das Schimpfwort "Landungsklatscher" aufgetaucht, und heute schämt man sich für diesen Applaus. Dabei sollte man sich doch eher des Fliegens schämen. Vielleicht ist das die kommende Mode: Man fährt stundenlang mit dem Zug, und beim Aussteigen steht die versammelte "Fridays For Future"-Generation auf dem Bahnsteig und klatscht.

Das bringt mich gleich zum nächsten Schimpfwort: "Willkommensklatscher" sagt der rechtsrechte Schlechtmensch gerne und meint es nicht positiv. Aber der meint es ja grundsätzlich selten gut mit den anderen. Tatsächlich hab ich bis heute dieses Klatschen nicht verstanden. Da kommen Leute aus Kriegsgebieten, sind vor Zerstörung und Leid geflohen, haben das Meer auf riskanteste Art durchquert, sind hunderte Kilometer zu Fuß gegangen, endlich in einen Zug gestiegen, und dann kommen sie in einem - hoffentlich - sicheren Land an und kriegen: Applaus. Ist ja schön, aber auch ein bisserl unnötig. Die brauchen eine Wohnung, was zu essen, einen Job, Menschen, die ihnen helfen, sich zurechtzufinden, und kriegen . . . was? Ein "Bravo!".

Gottseidank hat 2015 keiner "Zugabe" geschrien, sonst hätten die alles noch einmal durchmachen müssen. Verstehen Sie mich bitte richtig falsch, nicht dass ich jetzt Applaus von der falschen Seite bekomme.

Der Applaus hat nun einmal auch seine Grenzen. Er sei das Brot des Künstlers, sagt man ja. Das ist aber leider auch falsch. Versuchen Sie einmal als Künstler, dann mit dem Applaus einkaufen zu gehen. Also rein in die Bäckerei, drei Topfengolatschen und ein Grahamweckerl ordern, und statt Geld hinzulegen, applaudieren Sie der Verkäuferin. Viel Spaß dabei, Sie werden mit der Zeit recht hungrig werden.

Auch in der Politik ist Applaus ein unsicheres Zahlungsmittel. Sogenannte Beobachter auf Parteitagen berichten zwar immer wieder, wer wie viel und wie lange Applaus bekommen hat, ob der aber ehrlich gemeint war, weiß keiner. Schließlich gilt die Steigerung: Freund - Feind - Parteifreund.

Der jubelnden Masse ist sowieso nicht zu trauen. Wie viele haben nicht schon Menschen auf Balkonen zugejubelt und ein paar Jahre später gemeint, sie wären gar nicht dabei gewesen. Oder umgekehrt: Maximilien de Robespierre hat während der Französischen Revolution monatelang Ovationen entgegengenommen, den letzten Applaus hat er allerdings auf der Guillotine erhalten.

Ob da dann einer noch "Da capo!" gerufen hat, ist nicht bekannt.

Wenn Sie also wissen wollen, wann man zum richtigen Zeitpunkt um der richtigen Sachen Willen dem richtigen Menschen applaudiert, dann wenden Sie sich an einen Fachmann. An mich zum Beispiel.

Wenn ich mit meinem Programm demnächst in Ihrer Stadt spiele, dann kommen Sie einfach vorbei.

Aber Eintritt müssen Sie schon zahlen. Weil mein Bäcker klatscht mir sonst eine.

Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Ab 20. September spielt er im Wiener Kabarett Niedermair sein neues Programm "Gut möglich".

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