Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, zum Beispiel: "Das österreichische Deutsch". Jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.  Alle Beiträge dieser Rubrik unter: www.wienerzeitung.at/sedlaczek

Unlängst habe ich Ihnen an dieser Stelle die Neuausgabe des Duden-Bandes "Österreichisches Deutsch" von Jakob Ebner empfohlen. Das akribisch erstellte Wörterbuch ist das Ergebnis von 50 Jahren lexikografischer Arbeit. Es enthält jenen Teil des Wortschatzes, der sich in Österreich vom Wortschatz in Deutschland und in der Schweiz unterscheidet, und das ist mehr, als man glaubt. Beim Schmökern bin ich auf eine interessante Erläuterung gestoßen. Zu unserem umgangssprachlichen Wort "eh" mit der Bedeutung ohnehin und sowieso schreibt der in Linz lebende Lexikograf: "Das Wort war ursprünglich süddeutsch und österreichisch, kann heute als gemeindeutsch gelten, allerdings in Deutschland mit einem langen geschlossenen e, österreichisch mit kürzerem und offenem e." Dann werden die Wendungen "eh klar" - berühmt durch den Mundl -, "eh scho wissen"- im "Gschupftn Ferdl" heißt es: "Weu beim Tumser is heit eh scho wissen Perfektion" - und "ja eh" expliziert.
Dieses "ja eh" drückt Widerwillen aus. Wenn mir jemand oberflächlich kommt: "Geht es dir gut?", antworte ich mit "ja eh".

Viele ärgern sich über Wörter, die aus dem Norden zu uns gelangen, oft durch die TV-Werbung und die Synchronisation amerikanischer Filme und Serien. Aber es gibt auch den umgekehrten Fall, wenngleich er selten eintritt.

Ich habe ein anderes Wort im Buch "Österreichisches Deutsch" gesucht - und nicht (!) gefunden: "halt". In einer früheren Ausgabe, sie ist unter dem Titel "Wie sagt man in Österreich?" erschienen, war das Wort enthalten, mit vier Bedeutungen: als Ausdruck einer resignativen Zusammenfassung (jetzt heißt es halt zu Fuß gehen), als Signal, dass man etwas nicht weiter ausführen möchte (Wiener Unterwelt und so halt), als Verstärkung (das spürt man gleich, dass du halt ein Experte bist) und als Ausdruck einer widerwillig gegebenen Zustimmung
(schaust dir den Film halt auf meinem Fernseher an).

Die Partikeln "eh" und "halt" spielen eine wichtige Rolle in der gesprochenen Sprache, dienen der Abtönung und werden immer öfter auch geschrieben. Aufgrund zahlreicher Recherchen in verschiedenen Datenbanken ist Ebner zu dem Schluss gekommen, dass sich "halt" von Österreich, Süddeutschland und der Schweiz aus in den Norden ausgebreitet und dort bereits etabliert hat, während "eh" erst auf dem Sprung zu einer gesamtdeutschen Karriere ist. Ein österreichischer Germanist soll einmal zu einem deutschen Kollegen gesagt haben: "Halt" ist die Rache für "lecker".

Bei einem anderen Wort ist die Entwicklung so lange her, dass niemand mehr daran denkt. In Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" fand ich den Satz: "Es ist passiert, sagt man in Österreich, wenn andre Leute anderswo glauben, es sei wunder was geschehen." Eine Grenze passieren - diese Bedeutung hat es schon immer im gesamten deutschen Sprachraum gegeben. Österreichisch und Bairisch war nur die andere Bedeutung: geschehen, sich ereignen, sich zutragen.

Somit ist es kein Zufall, dass Wolf Haas, ein promovierter Sprachwissenschafter, seine österreichischen Krimis immer mit dem gleichen Satz beginnt: "Jetzt ist schon wieder was passiert."

Robert Sedlaczek ist
Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.