Der Sommer ist vorbei. Eventuell mehr gefühlt als real (noch scheint draußen kräftig die Sonne), aber die Arbeit, die Schule, die Universität hat uns wieder. Wobei: Einmal wird es mich noch ins Weinviertel ziehen, hart an der Grenze zum Waldviertel, wo ich am liebsten die Seele baumeln lasse. Das hat seine Gründe.

Denn vor wenigen Wochen passierte es auf dem Weg ins Parkbad Retz, dass ich - Zeitdruck hatte ich in den Ferien keinen, zudem stand mir der Sinn nach Auslagenbummeln - in ein Möbelhaus an der Hauptstraße der malerischen Kleinstadt einfiel. Das Wohnquartier. Und sieh’ einer an! Vor meinen Augen tat sich auf drei Stockwerken eine Interior-Design-Landschaft auf, wie sie auch in einer Großstadt Eindruck machen würde. Man betritt das Geschäft durch eine goldene Pforte - und kann dann Küchen für gehobene Ansprüche studieren, Wohn- und Schlafzimmer, eine Sauna, Bäder, Kinder-, Umkleide- und Abstellräume, eine von grünem Moos überwucherte Wand und allerlei schmucke Accessoires.

So weit, so gut, aber nicht außergewöhnlich. Ein Raum, den mir das alerte Besitzer-Ehepaar Claudia und Bernhard Mayr zeigte, war allerdings ganz leer. Bis auf eine überdimensionale Brille, zwei Game-Controllern ähnlichen Taststäben an Kabeln, die von der Decke hingen, und einem großen Monitor. Hier wird vorgeführt, was vermutlich im westlichen Weinviertel sonst niemand vorführt (und mir bis dato auch sonst in keinem Möbelhaus Österreichs untergekommen ist): per Virtual Reality, kurz: VR, betret- und erlebbare Innenarchitektur. Die Planungen des Wohnquartier-Teams werden vom Computer in dreidimensionale virtuelle Räume umgesetzt, die mit der VR-Brille am Kopf durchwandert, betrachtet und bestaunt werden können wie im richtigen Leben. Fast jedenfalls. Der Verkäufer sieht am Monitor, was der Kunde gerade durchlebt - in Wirklichkeit sieht man Letzteren nur ungelenk herumtapsen. Die Illusion ist perfekt: Ein Demo für einen Ausschankraum präsentiert lesbare Weinetiketten, man ist ständig versucht, wirklichkeitsgetreue Laden zu öffnen, greift dann aber so lange ins Leere, bis man eh an seine Grenzen stößt (im virtuellen Raum durch grüne Gitter markiert). Jede Wette, so haben Sie noch nie die Planung der Inneneinrichtung erlebt! "Und weil uns weiße Küchenoberflächen schon langweilen", erläutert Bernhard Mayr , "färben wir sie für den Kunden, der gerade mitten in der Traumküche steht, gern auf Knopfdruck rot, grün oder schwarz ein!" Fotorealismus war gestern, in Retz herrscht die dritte Dimension.

Ich habe mich ja oft gefragt, was neben Spielen und Training, z.B. an Fahrsimulatoren, die nächstliegende Anwendung für Virtual Reality sein könnte. Dass Möbelhäuser und, zuvor noch, Architekten, Raumdesigner und Makler die Technologie nicht längst zum Standard erklärt haben, liegt wahrscheinlich an den Kosten, der Komplexität der Materie und einer gewissen Zukunftsscheu. Wer aber einmal seine Traum-Wohnlandschaft leibhaftig in 3D erlebt hat, wird behände für die Real-Life-Realisierung die Geldbörse zücken. Und wenn ein Möbelhaus in der vermeintlichen Provinz, das gewiss keine Ikea-Umsätze generiert, hier aufzeigen kann, dann sollte man den Weg dorthin keinesfalls scheuen.