Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.
Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Das Gute am Klimawandel ist, dass man jetzt mit gutem Grund zu jeder Zeit und an jedem Ort über das Wetter reden kann. Klar, das hat man früher auch getan, und wer erinnert sich nicht an den alten Werbespruch der Deutschen Bundesbahn: "Alle reden vom Wetter. Wir nicht."

Das war damals schon Unsinn, denn kaum ein Unternehmen ist dem Wetter derart ausgeliefert wie die Bahn (zumindest die deutsche, in Österreich und der Schweiz scheint das, warum auch immer, nicht zu gelten). Wenn’s stürmt, fallen Bäume auf die Oberleitungen. Wenn’s zu kalt ist, frieren die Weichen ein. Wenn’s zu heiß ist, streiken die Klimaanlagen. Und wenn’s heftig regnet, werden die Gleise unterspült. Aber richtig ist, dass das Wetter stets ein beliebtes Smalltalk-Thema war, ob am Gartenzaun oder als Kennenlerneinstieg bei irgendeinem Anlass.

Allerdings bewegte sich das Ganze meist auf überschaubarem Niveau. "Ein schlimmer Sommer dieses Jahr." "Ganz schön kalt draußen, nicht?" "Ach, ich liebe diese lauen Abende." So oder ähnlich ging das eine Weile dahin, bis man sich entweder anderen Gesprächspartnern zuwandte oder so viel Gefallen aneinander gefunden hatte, dass man zu intimeren Themen wechseln konnte. Heute hingegen ist jeder ein Wetterexperte, um nicht zu sagen ein verkappter oder zumindest potentieller Meteorologe. Sozusagen eine Christa Kummer oder ein Marcus Wadsak in spe. Zumindest jeder, der ein Smartphone besitzt (es soll noch Menschen ohne geben). Denn eine der am häufigsten aufgerufenen Applikationen darauf ist die Wetter-App.

Wer wie ich schon immer ein Faible für Wetterstatistiken und meteorologische Zusammenhänge hatte, hat davon gleich mehrere installiert. Das vervielfacht nicht nur die Informationsdichte und die Gesprächsfäden (inzwischen redet man mehr über Wetter-Apps als über das Wetter). Es hat auch zur Folge, dass man sich sein Wetter aussuchen kann. Denn mit den Apps ist es wie mit den Experten: vier Apps, fünf Ansichten darüber, wie es wird.

Wenn ich etwa wandern gehe, halte ich mich immer an die App, die kein Gewitter vorhersagt. Fürs Baden nehme ich die, die mir Bewölkung verheißt (dann ist es meist leerer). Und im Winter freue ich mich inzwischen, wenn überhaupt noch eine App Schneefall im Angebot hat. Vor allem aber merke ich: Bevor ich aus dem Haus gehe, schaue ich nicht mehr zum Himmel, sondern auf das Smartphone. Und wehe, das Wetter hält sich nicht an meine virtuellen Prognosen. Dann werde ich richtig wütend und schimpfe - nein, nicht über die Apps, die nichts taugen, sondern über den Wettergott. Wagt der es doch tatsächlich, sich über das App-Wetter hinwegzusetzen.