Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.

Gestern sind meiner Frau die Zigaretten ausgegangen. Ich habe am Weg zur Trafik vergessen gehabt, welche Sorte Camel sie raucht. Als mir der Trafikant die verschiedenen Packungen gezeigt hat, ist es mir eingefallen: Camel Essential Blue.

Aber hier geht es nicht um Zigaretten, sondern um ein Tempus. "Ich habe vergessen gehabt . . ." - Darf man das schreiben? Auch bei Johann Wolfgang von Goethe, Thomas Mann und Heinrich Böll gibt es solche Sätze. Ein schönes Beispiel ist bei Robert Musil zu finden: "Wir haben uns alle schon so daran gewöhnt gehabt, dass nichts geschieht, aber immer etwas geschehen soll", erzählte Stumm. "Und da hat auf einmal jemand die Nachricht gebracht, dass heuer im Herbst ein Welt-Friedenskongress tagen wird."

Die Zeit heißt doppeltes Präsensperfekt. Wir brauchen sie, wenn wir im Perfekt erzählen und Vorzeitigkeit ausdrücken wollen. Meine Deutschprofessorin im Gymnasium hat mir dieses Tempus vorenthalten, genauso auch das doppelte Präteritumperfekt: "Ich hatte es vergessen gehabt." Um das System zu komplettieren, muss man noch an das seltene doppelte Futurperfekt denken: "Ich werde es vergessen gehabt haben." Es gibt also im Deutschen nicht sechs, sondern neun Tempora. Die doppelten Tempora können nicht von allen Verben gebildet werden, sondern nur von jenen, die ein Geschehen in seiner Dauer, in seinem unvollendeten Verlauf ausdrücken: vergessen, sich gewöhnen etc. Verben, die ihre Formen mit "haben" bilden, sind häufiger anzutreffen als jene, die mit "sein" funktionieren. Aber wir können sagen: "Sie sind verreist gewesen, als Einbrecher das Fenster eingeschlagen haben."

Als Einstieg zu einem zweiten Beispiel möchte ich Ihnen einen Witz erzählen: Der Chef kommt in die Firma und fragt den Buchhalter: "Wo ist der Lehrling?" Die Antwort des Buchhalters: "Er isst!" - "Schön, aber wo ist er?" - "Sie hören doch, er isst." - "Zum Teufel, wo ist er denn?" - "Er tut essen." - "Ach so! Warum reden Sie nicht deutsch?"

Die Kombination "tun + Infinitiv" ist bei uns in der Umgangssprache gebräuchlich, auf einer höheren Sprachebene aber verpönt. Schon in der Volksschule hat mir die Lehrerin derartige Formulierungen ausgetrieben. Aber wie der Witz zeigt, ist es manchmal nützlich, eine Verlaufsform - so wird sie genannt - zu verwenden: "Ich tu essen." - "Tust du fernsehen?" - "Sie tut lesen." Mit der Verlaufsform wird zum Ausdruck gebracht, dass etwas, das vermutlich länger dauert, gerade passiert oder in Kürze stattfinden wird: "Tust du heute Abend kochen?"

Außerdem kann "tun" in der Umgangssprache auch die Funktion des Hilfsverbs "werden" im Konjunktiv II übernehmen: "Ich tät ja gern mit dem Rauchen aufhören, aber . . ." statt "Ich würde ja gern
. . ." In der geschriebenen Standardsprache wird "tun" nur dann verwendet, wenn es anders nicht geht, etwa wenn das Verb zur Betonung am Anfang steht: "Zuhören tut er wie gewöhnlich nicht." Dieser Satz ist durchaus auf einer hohen Sprachebene angesiedelt. Oft wird beklagt, dass unsere Sprache verarmt. Wenn sie verarmt, sind nur wir schuld daran. Wir sollten alle Möglichkeiten, die sie bietet, kennen und schätzen.