Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

"Seid Sand, nicht Öl im Getriebe der Welt." Diese eindringlichen Worte von Günter Eich gab uns einst der Direktor jener Schule, die ich acht Jahre lang besucht und frisch mit der Matura abgeschlossen hatte, mit auf den weiteren Lebensweg. Ich habe sie lange für rätselhaft pessimistisch gehalten. Mit dem Lauf der Jahre erschließt sich ihr Sinn aber mehr und mehr: Der vermeintlich natürliche Lauf der Dinge muss immer wieder abgebremst und in Frage gestellt werden. Um nicht schnurstracks an die nächste Wand zu knallen. Die Geschichte der Menschheit ist eine der kontinuierlichen Entwicklung von Kultur und Technik, schleppt aber im 21. Jahrhundert immer noch Megatonnen an Kurzsichtigkeit, Dummheit und Barbarei mit sich. Die antagonistischen Kräfte zwischen Rück- und Fortschritt sind einander feindlich wie je.

Ich war daher gar nicht erstaunt, dass sich vor wenigen Tagen rund um die weltgrößte Automobilmesse IAA in Frankfurt am Main erstmals eine Protestbewegung formierte. Dass sie sich selbst "Sand im Getriebe" nennt, ließ mich still lächeln. Ich hatte derlei imaginiert, es bedurfte angesichts der Klimakrise keiner großen prophetischen Begabung. Die Bosse von Volkswagen & Co. zeigten sich dennoch überrascht. Zeigte man nicht neue E-Autos en masse? Hatte man nicht "Fridays For Future" Gesprächsbereitschaft signalisiert? Und garantierte man nicht jene Prosperität, die technologische Zukunftstauglichkeit und ihre Finanzierbarkeit erst ermöglichen würde?

"Der politische Stillstand zwingt uns, die Verkehrswende selbst in die Hand zu nehmen", merkte ein Aktivist an. "Wir sind in einer Notsituation." Knapp und, sorry to say, nicht unzutreffend. Postwendend tauchte auf Messeständen, in Boulevardblättern und sozialen Medien der Begriff "Ökoterrorist" auf - angesichts der singenden, tanzenden und mit Fahrrädern im Kreis fahrenden Versammlung doch eher arg hoch gegriffen. Und von Irritation, ja Angst geprägt. Freilich gab und gibt es - erst recht nach tragischen Unfällen mit SUVs, etwa in Berlin - Hitzköpfe, die von Autos pauschal als "rollende Panzer", "Todesmaschinen" und "Werkzeuge von Umweltverbrechern" sprechen. Und sie lieber heute als morgen verbieten würden. Auf der Gegenseite formieren sich instinktlose Rechthaber, die ihre Lust auf Porschefahren und Benzinverbrennen zum Menschenrecht erklären. Auf Bestemm, Gedeih & Verderb’. So kommen wir nicht weiter. Denn der Sand knirscht hörbar im Getriebe, und wer einfach weiterfährt, als wäre nichts gewesen, wird am Straßenrand liegenbleiben. Natürlich ist ein SUV kein per se unmoralisches Auto, und seine Voluminösität, bequeme Besteigbarkeit und Geländetauglichkeit (wenn sie denn nicht nur ein Schmäh ist) wird da und dort dringend gebraucht werden. Aber. Ob diese Fahrzeugklasse in Sachen städtische Mobilität, soziale Verträglichkeit und Zeitgeist-Kompatibilität der Gipfel der Autobaukunst ist, sei dahingestellt. Dass auch Elektroautos nicht weniger Parkplätze und Umweltressourcen verbrauchen als Verbrenner, ist zudem eine schmerzliche Erkenntnis. Man kann und wird uns auch Sand in die Augen streuen.