Pepi, der Bauer, verjüngt seine Hühnerschar alle zwei Jahre: Jeden Herbst werden 30 von 60 Hühnern geköpft, und so ist nach dem Sommer immer eine Hälfte der Hühner ein Jahr alt und die andere zwei.

Meine Hühnerschar dagegen ist altersmäßig weit gestreut. Die jüngsten sind gerade etwas mehr als ein halbes Jahr alt, aber die derzeit dienstälteste Henne, Marani, muss wohl schon acht Jahre sein. Sie ist, wie der Name schon andeutet, eine Maranshenne, der man das Alter ansieht. Ihr Blick ist müde. Ihre Beine sind rau und schuppig. Sie ruht viel und bewegt sich sehr gemessen, wahrscheinlich weil ihre Gelenke schon ziemlich steif geworden sind. Sie darf als einzige auf der Terrasse bleiben und sich auf den von der Sonne gewärmten Steinen niederlassen. Das scheint sie zu beleben. An Regentagen möchte man ihr einen Rollator anbieten.

Als sie Durchfall bekam und vor Erschöpfung kaum mehr fraß, fragte ich mich, ob ihr Leben noch ausreichend Freude bringe. Wie viel Freude wäre "ausreichend"? Ab wann ist das Leben einer alten Henne nicht mehr lebenswert? Ab wann leidet ein Tier unzumutbar und muss erlöst werden? Haustiere sterben heutzutage kaum mehr eines "natürlichen" Todes, Nutztiere sowieso nicht. Wir Menschen bestimmen, ab wann ein Leiden "unerträglich" ist. Als wir vor einigen Jahren unseren Hahn Otto töteten, weil er nicht mehr fraß und seinen Kopf nicht mehr heben konnte, hatte ich zugleich ein schlechtes Gewissen, weil wir ihn a) nicht schon zwei Tage früher von seinem Leiden befreit hatten und weil wir b) seinem Leben schließlich doch ein Ende setzten.

"Mein Kopf weiß, dass es ein fairer Handel ist, den wir miteinander haben. Sie laufen frei auf der Wiese herum und baden in der Sonne, und dafür schenken sie uns kostbare Eier." - © Holzer
"Mein Kopf weiß, dass es ein fairer Handel ist, den wir miteinander haben. Sie laufen frei auf der Wiese herum und baden in der Sonne, und dafür schenken sie uns kostbare Eier." - © Holzer

Wenn ich meine Hühner nur mit dem Verstand betrachte, weiß ich, wie die Dinge getan werden müssen. Mein Kopf weiß, dass es ein fairer Handel ist, den wir miteinander haben. Sie laufen frei auf der Wiese herum und baden in der Sonne, und dafür schenken sie uns kostbare Eier. Sie hätten es wirklich schlechter erwischen können.

Aber ich empfinde auch Dankbarkeit: Marani verdient es, unbehelligt leben zu dürfen, auch wenn sie keine Eier mehr legt. Allerdings weiß niemand, wie alt Hühner werden können. Zehn oder zwölf Jahre? In diesem Fall wäre mein Stall bald mit nicht mehr legenden Hühnern voll, und ich müsste Eier kaufen. Wenn ich das nicht will, muss ich irgendwann doch wieder Enden bestimmen.

Vor vierzehn Tagen war eine noch ganz junge Henne gestorben. Einfach so. Auch wenn es "nur" eine Henne ist, erschrecke ich, wenn eine der Damen überraschend das Zeitliche segnet. Ich ertappte mich bei dem unfreundlichen Gedanken, dass besser Marani gestorben wäre. Aber sie hat sich mittlerweile von dem Durchfall wieder erholt und genießt den sonnigen Herbst so wie ich.