Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Eines der schönsten Fotos, die ich den letzten Jahren gemacht habe, betrifft die Zukunft von 73 jungen Leuten, die in einem meiner Projekte gearbeitet haben - mehr als ein Jahr lang, und zwar in ihrer Eigenschaft als Digital Natives, die mit allen Apps gewaschen sind, wenn diese schräge Metapher erlaubt ist. Und sie sind individuell an ungezählten Orten des World Wide Web präsent, auf Facebook, Snapchat, Instagram, WhatsApp, Linkedin und was weiß ich wo, mit schönen und geschönten Porträts und Dokumentationen ihres Lebens.

Sie wissen also, um was es geht, wenn sie sich - und darum ging es - mit der Zukunft der Digitalisierung beschäftigen. Und dies im Hinblick darauf, dass sie noch 45 Jahre Berufsleben vor sich haben, in denen auch noch ein paar andere Fragen eine Rolle spielen könnten. Und nun ist da dieses Foto.

Es zeigt sie, gelassen stehend oder sitzend auf der Freitreppe im Lichthof der Universität, an der ich seit mehr als zehn Jahren Projekte dieser Art leite; ein vergnügliches Bild am Nachmittag eines internen Symposiums, auf dem die verschiedenen Units sich über ihre Ergebnisse informieren. Kurz: Es ist ein Dokument, das zukunftsgewandte Vielfalt und Optimismus ausstrahlt, den Stolz der Akteurinnen und Akteure über das Schaffen eines Jahres; das die Fähigkeit zur Arbeit in großen Teams bildhaft inszeniert und somit auch eine andere, zeitgemäße Art der Bewerbungsfotografie darstellt, da ja doch Teamfähigkeit einer der ganz großen Renner ist.

Ein Foto aber, das nun doch nicht veröffentlicht werden kann, weil Teamarbeit eben eine Gruppe voraussetzt, was nun wiederum heißt, dass eben viele auf dem Foto sind. Und da entsteht das Problem, das in einem vielsilbigen Stichwort zusammengefasst ist: Datenschutzgrundverordnung. Und die schreibt vor, dass bei einem veröffentlichten Foto jede Person eine Einverständniserklärung abgeben muss. Es wäre ziemlich aufwendig, immerhin 73 Studierende aufzustöbern. Viele von ihnen sind irgendwo in der Welt unterwegs.

Was immer sie nun tun, die Ausbildung sollte ihnen dabei helfen. Denn es war und ist ja eines der Ziele solcher Ausbildungsmodule, deren kühle Rationalität 1999 im heißen bolognesischen Sommer von den Bildungsministerinnen und -ministern Europas ausgeheckt wurde: Praxisorientierung. Nur, ein Foto davon geht nicht ohne gigantischen bürokratischen Aufwand.

Man könnte dem Abspann des Reports natürlich eine ebenso lange wie langweilige Liste der Namen beifügen. Was allerdings auch wieder kritisch ist, weil manche Leute so heißen wie andere auch, die nicht dabei waren. Also Geburtsdatum dazu? Wäre das denn erlaubt? Die Rechtsberatung, die ich angerufen habe, ist sich nicht sicher. Vielleicht sollte man ein Projekt entwerfen, das Wege aus diesem Labyrinth erarbeitet - wenn es denn welche gibt und nicht in der Zwischenzeit wieder neue Verordnungen erlassen werden.