Wohl nirgendwo sonst erlebt der Staatsbürger seine politische Macht unmittelbarer als beim Ankreuzen des Wahlzettels in der Wahlkabine. Schließlich ist es ein ehernes Gesetz unserer Demokratie, dass man bei der Stimmabgabe allein und unbeeinflusst vorgehen kann.

Blickt man auf die Demokratie im alten Griechenland, so war ein solch geheimer Abstimmungsvorgang allerdings die Ausnahme der politischen Regel: Damals, vor 2500 Jahren, hatten alle erwachsenen Männer Athens (das waren zwischen 20.- und 30.000 Bürger) das Recht und die Pflicht, regelmäßig zur Volksversammlung zu gehen.

In diesem Bürgerparlament wurde direkt über alle wichtigen politischen Themenfelder abgestimmt, und zwar in Form von offener Stimmabgabe: Der erhobene rechte Arm signalisierte Zustimmung zum jeweiligen Gesetzesantrag, jedermann konnte daher feststellen, wie sich der Einzelne entschieden hatte. Eine der frühesten uns bekannten Benennungen der Staatsform "demokratia" findet sich in einem Stück des Tragödiendichters Aischylos, wo vom "herrschenden Arm des Volkes" die Rede ist.

Eine geheime Stimmabgabe gab es im alten Athen aber auch, nämlich im Fall eines "Ostrakismos". Dieses "Scherbengericht" (von ostrakon, altgriechisch für Scherbe) war eine Negativwahl, bei der jener Mann gefunden werden sollte, den die Gemeinschaft der Bürger am liebsten loswerden wollte. Zwingend war eine solche Prozedur allerdings nicht, vielmehr wurde einmal jährlich die Frage gestellt, ob man einen solchen Ostrakismos durchführen solle oder nicht. Im Fall einer Zustimmung waren alle Stimmberechtigten an einem bestimmten Tag dazu aufgefordert, den Namen eines Mitbürgers auf eine Scherbe zu ritzen und solcherart ihre Meinung kundzutun.

Für den Althistoriker besonders spannend sind schriftliche Bemerkungen, mit denen manche Wähler ihre Entscheidung kommentierten. Da ist die Rede von Volksverrat (insbesondere die Kollaboration mit dem Erzfeind Persien), von einem allzu aufwendigen Lebensstil, von sexuellen Entgleisungen oder einfach ungeliebten Eigenheiten (etwa einer auffälligen Haarpracht).

Trotz dieser sehr persönlichen Angriffe traf es in der Regel politisch engagierte Bürger, die als Ostrakisierte Athen für zehn Jahre verlassen mussten, dabei aber ihren Besitz und ihre Bürgerrechte behielten. Es ging also wohl vor allem darum, die ungewünschten Personen für eine längere Zeit politisch kaltzustellen - ein Verfahren, das sich so manch politikverdrossener Bürger wohl auch heutzutage wünschen würde.