Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.
Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien.

Unlängst vertraute mir ein Bekannter an, er habe am Wochenende mit seiner Familie Quality Time verbracht. Ich konnte mich erinnern, diesen Begriff in jüngerer Zeit ab und zu gehört zu haben - was er nun genau bedeutete, war mir allerdings nicht klar.

Vielleicht hätte ich mit einer Zwischenfrage, was mein Bekannter und seine Familie denn an dem bewussten Wochenende so alles angestellt hätten, etwas Licht in dieses Dunkel bringen können; aber da war er schon bei seinen Vorhaben für die nähere Zukunft angelangt, und ich begnügte mich fürs Erste mit der Gewissheit, seine Quality Time müsse wohl ein großer Pluspunkt innerhalb der Work-Life-Balance gewesen sein. Oder so irgendwie.

Nun ist es zwar nicht mein Ehrgeiz, über alle englischsprachigen Ausdrücke, die gerade herumgeistern, Bescheid zu wissen - trotzdem wollte ich mich über die Sache informieren. Zu Hause angekommen, klickte ich mich durchs Internet - und siehe da: Der Terminus entstand, wie mir Wikipedia verriet, bereits in den 1970er Jahren. Und zwar, keine große Überraschung, in den USA. Es handelt sich demnach um eine Zeitspanne, die jemand mit der Familie oder dem Partner verbringt und sich dabei dem oder den anderen bewusst widmet.

Dazu zählen etwa gemeinsame Spaziergänge, Gespräche oder das Zubereiten von Mahlzeiten. Allerdings nur dann, wenn es ausschließlich der Festigung menschlicher Beziehungen dient. Männer, die im Beisein von Frau, Kindern und Großeltern einfach vor sich hin kochen, ohne bewusste Interaktionen mit dem Rest der Sippschaft zu setzen, nur weil’s eben Spaß macht, dürfen sich nicht der wohligen Annahme hingeben, nun Quality Time zu verbringen. So etwas muss man sich verdienen: Aktiv und "von ganzem Herzen", wie zu lesen stand. Alles andere ist Quantity Time, hat einen schalen Beigeschmack von Beiläufigkeit, eigentlich fast schon Desinteresse.

Da tauchen Fragen auf. Ist die Zeit, die etwa eine Ärztin, ein Lehrer, eine Sozialarbeiterin oder meinetwegen ein Journalist gerne und hingebungsvoll für die berufliche Tätigkeit aufwendet - ist diese nun Quality oder doch eher Quantity Time? Wahrscheinlich Letzteres, da ja weder die Familie noch der Partner mit von der Partie ist. Können demnach alleinstehende Menschen, also Singles, die noch dazu keine Verwandten mehr besitzen (gibt es dafür eigentlich einen amerikanischen Ausdruck?) überhaupt Quality Time verbringen? Vielleicht dann, wenn sie Freunde oder Bekannte haben, und mit denen aktiv und von ganzem Herzen etc.

Das Ganze hat etwas recht Moralbehaftetes. Bestimmt war das meinem Bekannten nicht bewusst, als er von seinen Wochenendaktivitäten erzählte. Aber ich frage mich ernsthaft, warum er nicht einfach sagte: "Ich habe Zeit mit meiner Familie verbracht." Das hätte vollauf gereicht. Klingt zwar nicht besonders trendig, aber dafür nach etwas, das von ganzem Herzen kommt.