Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.

Die Stunden vor der ersten Hochrechnung sind nicht gerade die spannendste Zeit für Internet-Journalisten. Nichts tut sich, die Spitzenkandidaten gehen begleitet von Fotografen in die Wahllokale, das war’s dann auch schon. Die Lücke der nachrichtenlosen Zeit zu füllen, ist nicht leicht, aber die Online-Redakteure des ORF hatten eine Idee. Sie bildeten die Twitter-Nachricht eines Lesers ab: "Das gute an der österreichischen Sprache: Man kann um Punkt 17 Uhr ,Oida‘ twittern und es kann sowohl positiv als auch negativ gemeint sein."

Das ist gut beobachtet. "Oida" ist ein Ausruf des freudigen Erstaunens oder des blanken Entsetzens. Daneben hat das Wort noch eine weitere Funktion. Es dient als Gesprächspartikel - so bezeichnen es die Sprachwissenschafter. In der Kommunikationswissenschaft ist der Terminus Diskursmarker in Gebrauch. Dort geht es um das Verhältnis eines Senders zum Empfänger.

Was kompliziert klingt, lässt sich an Hand eines Beispiels erklären. "Oida, die Grünen san wieder im Parlament!" Das "Oida!" ist unter Jugendlichen ein Startsignal, vergleichbar mit "Hör zu!" Am Ende eines Satzes hat "Oida" eine verstärkende Funktion: "Die Grünen san wieder im Parlament, Oida!"

In der Standardsprache können Startsignale dazu dienen, das zuvor Gesagte zu bewerten: Die Partikel "na ja" signalisiert Skepsis, "ja, aber" eine Einschränkung des zuvor Gesagten, mit "ja klar" wird die Relevanz abgeschwächt.

Wenn wir an einen Diskursmarker am Ende eines Satzes denken, kommt uns sofort "gell?" in den Sinn. "Viele wollen die Grünen in der Regierung sehen, gell?" Damit heischt der Sprecher um Zustimmung. Dasselbe leistet "nicht wahr?"

Manche Gesprächspartikel haben den Charakter eines Schibboleths. Wer "Oida" sagt, deklariert sich als nonkonformistischer Jugendlicher. Wer "gell?" verwendet, kommt aus Österreich oder Süddeutschland. Genauso augenfällig ist das Äquivalent der Schweizer, sie hängen an das Satzende ein "oder?" an - die Norddeutschen ein "wa?".

Schibboleth ist ein sprachliches Element, mit dem sich ein Sprecher einer Region oder einer sozialen Schicht zuordnen lässt. Der Begriff wurde aus dem Hebräischen entlehnt, dort bedeutet das Wort "Ähre". Im Alten Testament tritt Schibboleth als Testwort in Erscheinung. "Gilead schnitt Efraim die Jordanfurten ab. Und wenn die Flüchtlinge aus Efraim sagten: Ich will hinüber!, fragten ihn die Männer aus Gilead: Bist du ein Efraimiter? Wenn er Nein sagte, forderten sie ihn auf: Sag doch einmal Schibbolet! Sagte er dann Sibbolet, weil er es nicht richtig aussprechen konnte, ergriffen sie ihn und machten ihn dort an den Furten des Jordan nieder. So fielen damals zweiundvierzigtausend Mann aus Efraim."

In Tirol gibt es Diskursmarker, die über die regionale Herkunft Bescheid geben. Eine Partikel am Beginn oder Ende eines Satzes ist im Oberinntal "sö", bei der Einmündung des Ötztales "hoa", im Ötztal selbst "ho" und im Stanzertal "he", aber nur am Redeschluss. Wer also im Oberinntal statt "sö" einen anderen Marker verwendet - "hoa", "ho", "he" oder auch "gell" - wird sofort als Fremder erkannt. Aber er wird nicht in den Inn geworfen.