Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

In einem ebenso amüsanten wie lehrreichen Interview mit dem deutschen Ex-"Spiegel"-Autor Jan Fleischhauer äußerte dieser die Erkenntnis: "Wenn man nach dem ersten Satz weiß, wie es weitergeht, hat man als Kolumnist etwas falsch gemacht." Das soll hier nicht passieren. Ich finde Fleischhauers Diktum doppeldeutig. Wer ist "man"? Der Leser? Oder gar der Schreiber? Ich habe jedenfalls gerade nicht die geringste Ahnung, wie es weitergeht, verkaufe Ihnen diese Lüge aber als originellen Gag. So sind sie, die Journalisten. Man - das ist letztlich jede/r, der/die sich betroffen fühlt. Erst kürzlich kam mir etwa ein "Leitartikel" in der Immobilien-Beilage einer hiesigen Tageszeitung unter, dessen Lektüre mich zwischen Amüsement, Verwunderung und Ärger schwanken ließ. Es ging um eines meiner Leib- und Magen-Themen: HiFi. "Klobige Lautsprecher waren einmal", stand schon auf der Titelseite des Hefts zu lesen, "die Musik erklingt heute aus dem Off." Denn, so verkündete die Chefredakteurin, "besten Klang in allen Räumen aus allen Richtungen, einzeln ansteuerbar über Smartphone oder Tablet, schafft man heute mit kabellosen Systemen, bei denen die Lautsprecher nicht größer als eine Zuckerpackung sind." Oho! Ihr Fazit: "Kein Protzen mehr mit einer mächtigen Anlage!"

Nun gibt es sie tatsächlich: HiFi-Enthusiasten, die ihre Gerätschaften wie auf einem Altar zur demütigen Betrachtung ausstellen. Und links und rechts im Wohnzimmer riesige Boxen-Ungetüme platzieren. Man kann das wunderlich finden, unnötig oder arg technikverliebt. Und freilich kennt die Unterhaltungselektronikindustrie auch den sogenannten "Woman Acceptance Factor" (WAF), die - leicht ironisch ins Treffen geführte - notwendige Zustimmung der Lebenspartnerin zu Inszenierungen im gemeinsamen Haushalt. Die Antithese zum konservativen Gerätepark mit Normbreite - also verschwindend kleine, elegante HiFi-Bausteine - sind aber keine Erfindung des 21. Jahrhunderts. Ich selbst habe eine schnuckelige "Mini Modul"-Anlage der längst nicht mehr existenten deutschen Firma Wega daheim und halte sie in Ehren. Tiefste Siebziger! Voriges Jahrtausend!

Aber zugleich hat sich in all den Jahrzehnten, die ich mich mit der Materie beschäftige, eine banale Erkenntnis verdichtet: Jeder Versuch, Musikquellen und Lautsprecher optisch verschwinden zu lassen, ging mit einer deutlichen Verschlechterung des Klangs einher. Vor allem dann, wenn es nicht viel Geld kosten darf - denn mit Einbaulautsprechern, Messtechnik und Raumkorrektur lässt sich schon einiges erreichen.

Wie man aber z. B. mit Sofakissen um 25 Euro pro Stück ("Hörkiss" von Schöner Leben) sinnvollen Musikgenuss ermöglichen möchte, sei dahingestellt. Und bei aller Liebe zu cleverem Design und innovativen Ideen: Ich möchte nicht, dass Leonard Cohen, Miles Davis oder Radiohead aus einer wackeligen Tischleuchte erschallen. Derlei bietet nun der Möbelgigant Ikea in Kooperation mit dem Streaming-Audio-Platzhirschen Sonos an, unter dem aufreizenden Namen "Symfonisk". Ich empfehle den Direktvergleich: Hören Sie doch mal, sagen wir, Gustav Mahlers Symphonie No. 9 über anständige Lautsprecherboxen. Und danach über die Ikea-Lampe. Den Unterschied würde ich gern Klavierspielen können.