Ein schöner, etwas windiger Nachmittag auf der Terrasse eines Cafés. Auf dem Spielplatz daneben vergnügen sich kleine Kinder, etwas weiter entfernt spielen die größeren Kinder Fußball, derweil der Herbstwind mit den Blättern der Bäume spielt. Auf einmal wird er ungestüm, bläst sich zu enormer Stärke auf. Eine Sturmböe fegt einen der großen Sonnenschirme von der Terrasse, wirbelt ihn durch die Luft und treibt ihn mit kräftigen Stößen über ein gepflegtes Rasenstück auf ein paar Kleinkinder zu, die in einer Sandkiste Burgen bauen.

Die Gäste auf der Terrasse schauen gebannt, was als Nächstes passiert, sie verlassen sich auf jene zwei Erwachsenen, die der Szene näher stehen, nämlich unmittelbar neben dem Rasenstück. Aber die beiden zögern, über den Rasen zu laufen. Offenbar stellt das Schild "Betreten verboten" für sie eine Hemmschwelle dar. Da löst sich aus der Gruppe der Fußball spielenden Kinder ein ungefähr achtjähriger Bub, der offenbar gewohnt ist zu handeln, wenn Not am Mann ist. Er stürmt dem Sonnenschirm nach, bekommt ihn tatsächlich zu fassen und hält ihn fest, bis ihm endlich ein Erwachsener zu Hilfe kommt, der das "Betreten verboten"-Schild ignoriert, den Sonnenschirm zusammenklappt und dingfest macht.

Eine kleine Begebenheit, nicht der Rede wert. Oder doch? Das entschiedene Handeln des Buben hat mir imponiert und vermutlich nicht nur mir. Ich muss an sein Gesicht denken, als es ihm gelang, den Schirm trotz hoher Windstärke aufzuhalten. Er sah glücklich und stolz aus, als er ihn auf die Terrasse zurücktrug, gemeinsam mit dem Mann, der vielleicht sein Vater war.

Ich frage mich, warum kein Erwachsener dem Schirm nachgelaufen ist. Haben viele von uns verlernt, spontan zu handeln? Dem Philosophen Peter Sloterdijk wird folgendes Zitat zugeschrieben: "Das Einschlagen eines Nagels verlangt die Zustimmung einer Kommission, die, ehe sie der Nagelfrage näher tritt, ihren Vorsitzenden, dessen Stellvertreter, den Kassenwart, den Schriftführer, den Frauenbeauftragten und ein externes Mitglied wählt, das die Anliegen des regionalen Ethikrats für Technikfolgenabschätzung und Umweltschutz geltend macht."

Mit Bürokratismus lassen sich keine fliegenden Sonnenschirme aufhalten, mit vorsichtiger oder gar höriger Correctness lässt sich kein Verbotsschild ignorieren. Und dann kommt ein achtjähriger Bub und stellt sich gegen den Wind, und eine mutige Sechzehnjährige mit Kindergesicht hält den Mächtigen der Welt den Spiegel vor.

Und wir Erwachsenen fühlen uns beschämt, streuen Asche auf unser Haupt und flüchten in überhöhte Bewunderung, statt verantwortungsbewusst und mit vernünftiger Diskussion im Sinne unserer Zukunft und der Zukunft von unseren Kindern zu agieren. Wir sollten uns mehr zutrauen, denn in einer verunsicherten Gesellschaft wird sogar ein Kampf gegen fliegende Sonnenschirme zu einem Kampf gegen Windmühlen.