Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur der "Wiener Zeitung".
Andreas Rauschal, geboren 1984 in Vöcklabruck, ist Redakteur der "Wiener Zeitung".

"Die Welt ist groß, und du bist klein." Über die Aussage des "Pinocchio"-Liedes mag man jetzt zwar nicht nachdenken, weil sie womöglich mit fragwürdig ausgeübter Autorität und einer 19.-Jahrhundert-Form von Erziehung zusammenhängt, die das Wort "Gehorsam" sogar in den Alltag von Vierjährigen pflanzt. Sicher hingegen ist, dass die Welt in meiner Kindheit größer war, als sie sich heute darstellt, weil etwa das Internet noch nicht existierte, dafür aber in Berlin eine Mauer stand.

Überhaupt war Berlin sehr weit weg, Moskau ungreifbar und New York auf eine Weise dimensioniert, dass einem Linz direkt klein vorkam. Ich meine Linz! Dort gab es bereits im Umland zwei Shoppingcenter und im Zentrum den ersten je im Hoamatland eröffneten Mäki.

Im Grunde war alles groß, wenn man ab den 1980er Jahren in einer Kleinstadt aufwuchs, Verwandtschaft und Freunde in der "Oaschicht" hatte und in der "ZiB" bei Horst Friedrich Mayer Berichte aus Los Angeles oder Tokio sah - was aber gar nicht so oft vorkam, weil stattdessen Friedrich Orter in Srebrenica, Goražde oder Vukovar den Christian Wehrschütz gab.

Shanghai und London waren bestimmt auch riesengroß, am größten waren für mich aber Wieselburg und Amstetten. Letzteres, weil man auf der Autobahn zwischen der West- und der Ostabfahrt gut Nickerchen machen und wiederholt das Auto vollkotzen konnte, und noch immer war dieses Amstetten nicht vorbei. Außerdem wurde über Amstetten (damals) exakt nie berichtet, was viel Platz ließ, um es sich auszumalen. Von Wieselburg war wenigstens die Existenz einer Brauerei dokumentiert, was über die Größe aber nichts sagte. Mein Opa hat in der Brauerei Zipf gearbeitet, und Zipf war definitiv nicht die Ob-der-Enns-Version von Chicago.

Beim Zeitvertreib ("Sind wir bald da?") in Form des Spiels "Nummerntafeln erraten" stand jedenfalls fest: "WU" bedeutet Wieselburg und Umgebung, und es muss etwas schon ziemlich groß sein, wenn es sogar eine Umgebung hat. Vöcklabruck hatte keine Umgebung, die Nachbarorte Regau, Attnang-Puchheim oder Lenzing nicht einmal ein eigenes Kennzeichen, und sogar das "L" nach Wels und Linz ("WL", "LL") benannte nur das ländliche Land, an dem man immer vorbeifuhr. Amerikanische Städte stellte man sich ja im Wesentlichen ohne Drumherum vor. Wahrscheinlich hätten in Los Angeles Land oder Sacramento Umgebung die coolen Biker, die harten Trucker und die Cabrio-Schnösel mit Lederhandschuh, die bei "Columbo" im ORF immer die Mörder waren, mit Nummerntafeln wie "LAL" oder "SAU" auch so ihre Probleme.

Im Auto hatte "Pinocchio" Pause, dafür lieferte Radio Oberösterreich mit Waterloo & Robinson den Soundtrack: "Meine kleine Welt" und das vorbeiziehende Land hinter "WL", das geht audio-tektonisch sehr gut zusammen.