Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Das ist etwas, was eine konstruktive, publikumsnahe, zukunftsorientierte Medienpolitik in Österreich sofort beschließen könnte (und sollte): die dauerhafte Abrufbarkeit journalistisch hochwertiger ORF-Beiträge und Sendungen im Netz. Es ist nämlich nicht einsehbar, warum öffentlich-rechtlicher Content, für den von den Gebührenzahlern - also mehr oder weniger uns allen - bewusst bezahlt wurde, nach sieben Tagen wieder aus der "TVThek" oder dem Online- und Radio-On-Demand-Angebot verschwindet. Verschwinden muss. Weil es das Gesetz so will. Und die Privatsender meinen, eine Freigabe der Archive würde ihre Geschäfte stören.

Ich hätte ja gute Lust, Markus Breitenecker - den Chef der Sendergruppe ProSiebenSat1Puls4 - oder Didi Mateschitz, den Finanzier von ServusTV, höchstpersönlich zu fragen, warum es sie kratzt, wenn ich einen "Weltjournal"-Beitrag von Mittwoch letzter Woche gerne über diese Gnadenfrist hinaus verlinken würde. Er ist, während ich diese Zeilen in den Laptop tippe, noch acht Stunden lang abrufbar. Wenn Sie diese Kolumne lesen, wird der "Weltjournal"-Report schon offline sein. Und das ist schade. Denn er handelt von Vorgängen, die uns noch länger beschäftigen werden.

Von der Revolte in Hongkong, um exakt zu sein. Die Reportage der australischen Journalistin Sophie McNeill zeigt den bravourösen Kampf von weiten Teilen der Bevölkerung dieser Stadt für Demokratie, Freiheit und Reformen. Und gegen die aggressive Doktrin der chinesischen Machthaber. Ich bin zufällig in diese Bilderflut geraten und habe knapp 40 Minuten lang gebannt auf den Bildschirm gestarrt - eine konzentriertere Darstellung der Vorgänge in Fernost ist mir bis dato nicht untergekommen. Mit den bequemen Bier-&-Würstel-Politdisputen hierzulande hat die Protestbewegung in Hongkong kaum etwas zu tun. Es ist ein Aufstand der Jugend - dem sich aber auch ältere Aktivisten, Rechtsanwälte, Ärztinnen, Manager und sonstige honorige Bürger angeschlossen haben. Und: Es ist ein Aufstand der "Digital Natives" gegen den digitalen Überwachungsstaat. China, der große Bruder der Millionenmetropole mit Sonderstatus, verkörpert ihn mit zweifelhafter technischer Progressivität. Kurzum: Es ist ein Kampf David gegen Goliath.

Statt Steinschleudern nutzen die Widerständler heute mediale Hebel. Und digitale Flugblätter. Apples "AirDrop"-App spielt in der Kommunikation der Massen untereinander eine wichtige Rolle, genauso wie die Dienste "Telegram" und "Reddit". Von den offiziösen chinesischen Angeboten wie "WeChat", die strikter staatlicher Kontrolle unterliegen, grenzt man sich im wahrsten Sinne des Wortes ab. "In Hongkong entsteht so eine neue Form des Protests", befand etwa das Fachportal "Technolgy Review". "Für viele Einwohner ist das kontinuierliche Einklinken in das digitale Abbild des Protests längst Teil des Alltags geworden."

Zu all dem gibt es - und ich halte das für eine journalistische Kernaufgabe eines Qualitätsmediums - eine wache, kontinuierliche, technologisch firme Berichterstattung auf ORF ON. Heute um sechs Uhr Früh etwa ging ein Beitrag online, der Ihnen weit mehr zum digitalen Protest in Hongkong erzählt als meine paar Zeilen. Wie lange er auffind- und abrufbar sein wird, kann ich freilich nicht sagen.