Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.
Andreas Wirthensohn, geb. 1967, lebt als freier Lektor, Übersetzer und Literaturkritiker in München.

Jetzt ist schon wieder jemand gestorben. Nein, nicht irgendjemand. Sondern jemand Berühmter, eine Ikone, eine Lichtgestalt, einer der ganz Großen unserer Zeit. Und schon wieder bin ich hier vor Ort, hier in Frankreich, in meinem inzwischen obligatorischen Herbsturlaub. Und immer dann, wenn ich da bin, stirbt offenbar jemand, um den eine ganze Nation intensiv trauert. Gut, vor zwei Jahren war es "nur" Liliane Bettencourt, die außerhalb Frankreichs kaum jemand kannte. Aber immerhin war sie die reichste Frau der Welt, und wer schon einmal den Namen L’Oréal gehört hat, weiß, woher ihr vieles Geld stammt (von dem sie sich unter anderem eine Seychelleninsel leisten konnte).

Und ganz so traurig waren die Franzosen damals auch nicht, denn den Schönen und Reichen gehört ihr Herz nicht wirklich. Trotzdem beherrschte Bettencourts Tod samt diverser Skandale (privater und politischer Natur) mehrere Tage lang die Nachrichten. Wer Vergleiche mag: Es war in etwa wie jüngst beim Tod von Ferdinand Piëch. 2018 war die Trauer dann schon um einige Nummern größer, tiefer und bewegender. Charles Aznavour war tot und mit ihm die wohl prägendste Gestalt des französischen Chansons.

Zwei Wochen zuvor hatte er im Alter von 94 Jahren in Japan noch ein Konzert gegeben, und nun trauerte eine ganze Nation, Jung und Alt, um eine Ikone, die wie kaum eine zweite für Frankreich und seine Kultur stand. Sondersendungen, Sonderausgaben aller wichtigen Zeitungen, seine Lieder auf allen Kanälen - kaum je habe ich eindrücklicher erlebt, dass der Verlust eines Menschen wirklich ein ganzes Land mit tiefem Schmerz erfüllt. Und jetzt ist es schon wieder passiert: Ich in Frankreich, und Jacques Chirac tritt von der Lebensbühne.

Gut, seit drei Jahren hatte ihn niemand mehr zu Gesicht bekommen, aber auf den Straßen weinten die Menschen, und selbst junge Leute, die gerade einmal in die Schule kamen, als Chirac sich 2007 aus der Politik verabschiedete, bekundeten, es fühle sich an, als sei ihr Opa gestorben. Schweigeminuten, émissions spéciales in Endlosschleife, Broschüren mit Chiracs berühmtesten Sätzen - wieder war es, als sei mit einem Menschen auch ein Stück Geschichte jedes einzelnen Franzosen gegangen. Komisch, dachte ich bei mir, anderswo könnte ich mir das in dieser Intensität nicht vorstellen.

Dass in fünfzig Jahren ganz Wien auf den Beinen ist, um Abschied zu nehmen vom Altkanzler Kurz? Dass reichlich Bonmots von ihm ins kollektive Gedächtnis Eingang gefunden haben? Dass Menschen handgemalte Schilder hochhalten, auf denen Kurz für alles Mögliche gedankt wird? Nein, das übersteigt meine Fantasie. Und vielleicht ist das auch besser so.