Auf dem Servierteller: Bücher, die den Umgang mit Online-Nachrichten leichter machen - oder diese gänzlich abservieren wollen . . .
Auf dem Servierteller: Bücher, die den Umgang mit Online-Nachrichten leichter machen - oder diese gänzlich abservieren wollen . . .

Am Buchmarkt hat das Digitale schlechte Karten. Es wird als lästiger Konkurrent gesehen, als vorlauter, ungezogener und sich selbst maßlos überschätzender Halbwüchsiger. Obwohl der Hauptkonkurrent jedes einzelnen Buches in erster Linie die Vielzahl aller anderen Bücher ist (in Frankfurt kann man nächste Woche wieder einmal die diesbezügliche Überproduktion bestaunen), wird alles versucht, Internet und Soziale Medien buchstäblich herunter zu schreiben. Die Buchtitel verraten schon die Stoßrichtung: "Digitale Demenz", "Die Smartphone Epidemie" (beide von Manfred Spitzer, dem aktivsten deutschen Warner und Apokalyptiker) oder "Zehn Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst" des einstigen Internet-Gurus Jaron Lanier.

Zu diesen vehementen Mahnern hat sich nun auch der Schweizer Bestsellerautor Rolf Dobelli gesellt: "Die Kunst des digitalen Lebens" heißt sein neuestes Büchlein euphemistisch, in dem er für den absoluten Verzicht auf jegliche "News" plädiert. Er hält diese (übrigens nicht nur in digitaler Verabreichungsform, sondern auch in jener von Zeitungen, TV und Radio) für "so gefährlich wie Alkohol. Eigentlich noch gefährlicher, denn die Hürde, die Sie als Alkoholtrinker nehmen müssen, ist viel höher". Sich selbst beschreibt der einstige Finanz-Controller (bei der Swissair) als ehemaligen "News-Junkie", der sich alles reinzog, was nach Aufmerksamkeit heischte.

Seit 2010 ist er clean, indem er auf jeglichen Nachrichten-Konsum verzichtet. Das habe seine Lebensqualität enorm erhöht, daher preist er seine Radikalkur nunmehr jedermann als Königsweg an. "Keine News ist so wichtig, dass Sie nicht ohne sie leben könnten. Ein einziges gutes Buch ist für Ihr Leben und Wohlbefinden tausendmal wertvoller . . ."

Wie nahezu alles in diesem Buch ist auch dieser Ratschlag - in der typischen manipulativen Logik eines ehemaligen Abhängigen - so wahr wie übertrieben. Daher sei auch nicht dieses Buch zur Lektüre empfohlen, sondern jenes der deutschen Kognitionswissenschafterin Maren Urner: "Schluss mit dem täglichen Weltuntergang. Wie wir uns gegen die digitale Verhüllung unserer Gehirne wehren". Trotz des reißerischen Titels (wer buhlt da um Aufmerksamkeit!?) ist es keine weitere Anleitung zur absoluten News-Abstinenz, sondern ein Leitfaden, wie man die Informationsflut halbwegs behutsam bewältigen kann. Denn das ist ja die wahre Herausforderung, nicht der naive Rückzug in ein nachrichtenbefreites Hinterwäldlertum.

Wenn man die amikale Anrede und den mitunter etwas heil- und sonderpädagogisch klingenden Tonfall der Autorin aushält, bekommt man von ihr ein brauchbares Rüstzeug, um sich - bei aller Beschränktheit unserer Möglichkeiten (denn wir sind, vor allem mental bedingt, viel weniger frei und flexibel, als wir glauben) - im täglichen Kampf der medialen Angebote differenziert zu behaupten. Mit dem Hinweis(-Link) auf das Online-Magazin "Perspective Daily", einem Forum für konstruktiven Journalismus, gelingt Urner auch der Brückenschlag zwischen analoger und digitaler Welt. Wir werden weiterhin beide brauchen.