Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

In einem der letzten Sätze eines der schönsten Stücke in Pier Paolo Pasolinis "Rom, andere Stadt" mit dem Titel "Mein Verlangen nach Reichtum" schwärmt Pasolini von der Kunst, die er gern in der Dachwohnung hätte, "in Bezirken, wo die Leute einen in Ruhe lassen, . . . im sonnigsten Stockwerk . . . auf dem Gianicolo", deren Ausstattung er sich mit einer Sammlung von Bildern italienischer Künstler ausmalt: Zigaina, Morandi, Mafai, De Pisis, Rosai und Guttuso.

Das ist in den späten 50er Jahren geschrieben, könnte aber auch von heute stammen, aus unseren Tagen, in denen die Kunst zu einem Symbol des arrivierten Genießertums avanciert ist, in den Bezirken, wo die Leute einen deshalb nicht in Ruhe lassen, weil sie genau wissen wollen, was das, was da an der Wand hängt, wert ist.

Aber was wäre, wenn da tatsächlich auch an den Wänden der lichtdurchfluteten Wiener Innenstadt-Dachgeschoßwohnungen ein Zigaina hinge, ein Morandi oder einer von den anderen, die Pasolini erwähnt? Die kaum jemand kennt hier? Oder wenn umgekehrt von eher regional bedeutsamen Österreichern Werke in der Pasolini-Traumwohnung hingen? Werke, die man nicht kennt, weil ihre Künstler (noch) nicht mit superlativen Dollarpreisen honoriert wurden. Sie nicht und Abertausende andere nicht.

Abertausende? Keine Übertreibung: Denn die Recherche der Namen, die Pasolini erwähnt, führt bald in jene Galerie, in der sie alle verkehrten, die Maler, Filmemacher, Journalisten und Autoren, die Galleria Vittoria in der Via Margutta, wo ein paar Schritte entfernt Federico Fellini und Giulia Anna Masina ihre Wohnung hatten und wo der uralte Inhaber der Galerie, Enrico Todi, in modisch ebenso gewagter wie individuell eleganter Kleidung aus jenen Zeiten erzählt, in denen er Assistent Marcello Mastroiannis war und mit seiner Tochter Tiziana die Galerie zu einem Knotenpunkt im kulturellen Netzwerk Roms entwickelte.

Sie war und ist die Geburtsstätte vieler heute berühmter Künstler und Mit-Initiatorin der Associazione Cento Pittori, die seit 1953 eine Straßen-Show mit immer neuem interessantem Nachwuchs veranstaltet. Und wenn schon diese Schleusen der Recherche geöffnet sind, packt es einen natürlich.

Denn das alles ist ja nur ein Zufallsfund, angeregt durch die Neugier darauf, wie Pasolini so gelebt hat. Bald stellt sich die Frage, was der mediterrane Raum jenseits beeindruckender Renaissance und römischer Ruinen noch zu bieten hat. Spanien, Portugal, Nordafrika und seine Künstler des Lichts. Und da es ja europäisch zugehen soll, streift der Blick nordwärts oder ostwärts und schon nach kurzer Zeit würden alle Zeitungsausgaben eines Monats nicht ausreichen, um alle Namen von exzellenten Künstlerinnen und Künstlern zu drucken, die an den Wänden von Wohnungen hängen, in denen manche Besucher herumirren und nichts mehr finden, dessen Preis sie auf Anhieb nennen könnten, und doch das beunruhigende Gefühl haben, es sei wertvoll.