Mit der Geburt eines Kindes muss der Mensch sein Reiseverhalten ändern. Vorbei die Zeit der spontanen Concorde-Flüge nach Paris, der Weltumsegelungen und der Studienaufenthalte an der Universität von Lappland in Rovaniemi. Reinigende Selbstfindung im Aschram von Madhya Pradesh geht sich nicht mehr aus, und den Inka-Pfad beschreiten wir nur noch in Erinnerungen.

Wem das jetzt zu melancholisch klingt, der sei getröstet. Denn: Weniger reisen schützt erstens das Klima. Zweitens heißt es noch lange nicht, dass wir uns insgesamt weniger bewegen. Allerdings sind die Bewegungsmuster eines Menschen mit Kleinkind völlig andere. Es würde sich lohnen, ebendiese Muster aufzuzeichnen und sie auf einer Karte, am besten in 3D, zu veranschaulichen. Die momentan verfügbare Technik stößt dabei leider an ihre Grenzen.

Smartphones, die mit GPS und sonstigen Sensoren jede Veränderung unserer Verortung aufzeichnen, würden es vermutlich als Verweilen interpretieren, weil wir Wohnung oder Garten nicht verlassen. In Wirklichkeit ist es eine rasante Abfolge aus kurzen Sprints, Tanzschritten, Kniebeugen, Kreuzheben, auf dem Boden robben. Oft zum Zweck der Unterhaltung, zur Wiederbeschaffung von Duplo-Steinen, die unter die Couch gerutscht waren. Meistens aber zur Abwehr von Gefahren, weil der Bub auf dem Sessel schaukelt oder mit dem Kinderklositz in den Abort stürzt, kurz nachdem er bekundete: "Weg, Papa! Ich will am Klo meine Ruhe haben!"

Es ist unglaublich, wie viel Bewegungsdrang in so einem kleinen Menschen steckt. Mit etwas kulturellem Weitblick lässt sich auch Rauflust in Bewegungsenergie umlenken. Seit letzter Woche ist es mir etwa möglich, den Kleinen davon abzubringen, dass er mir seinen Kopf aus vollem Lauf in den Oberschenkel rammt. Bemerke ich rechtzeitig, wie seine Ausgelassenheit umschlägt, leite ich ihn zum "Haka", dem Kampftanz der Maori, an: Wir stehen einander gegenüber, stecken die Zungen raus, grunzen und rollen mit den Augen. Dazu wird gestampft, geklatscht und auf die Schenkel geklopft.

Was bisher nicht so gut klappt: die Freude an der Bewegung in Freude am Gehen umzuwandeln. Die Energie, die noch vor wenigen Minuten in wilder Raserei sichtbar geworden war, verfliegt mit dem Überschreiten der Türschwelle. Spaziergänge enden nach wenigen Metern damit, dass sich der Dreijährige auf den Boden setzt. Kaum hat man ihn die Stiegen zurück in die Wohnung getragen, ist die Energie wieder da: "Ich jage dich, und du laufst weg!", schlägt er vor, nachdem er mir den Kopf, als ich mir gerade die Schuhe ausziehe, in den Oberschenkel gerammt hat.

Jetzt stampft er und rollt mit den Augen. Viel lustiger kann Neuseeland auch nicht sein.