Die Tochter zeigt mir die Einladung zum Klassentreffen der Frau. Welcher Jahrgang werde ich nicht verraten, man möchte noch länger glücklich verheiratet sein, jedenfalls aber frühe Volksschule würde ich schätzen. Niederösterreich damals in Schwarzweiß. Kinder in kurzen Hosen und rundherum verstreut die Lehrerschaft. Welches der Mädchen am Bild die Mama ist, will die Tochter wissen. Weil sie auf diesem Foto keine einzige Mama finden kann. Ich nur leider auch nicht. Ich kann mich ja nicht einmal selber auf meinen eigenen Volksschulfotos finden. Das einzige Foto, auf dem ich mich erkenne, ist das vom Faschingsfest im Kindergarten und das auch nur, weil ich damals Cowboy war und ein Gewehr in der Hand habe, all die anderen Cowboys hatten nur Pistolen dabei, das weiß ich noch von früher, sonst weiß ich nichts, sage ich. Meine Tochter findet das nicht so lustig. Das ist doch deine Frau, sagt sie. Und deine Mama, sage ich.
Also doch die Lupe holen. Hilft allerdings auch nicht wirklich weiter. Nach dem zwanzigsten teigigen Kindergesicht zeige ich auf den fetten Mann mit dem schwarzen Schnurrbart und sage, das ist die Mama, Fall gelöst. Auch kein wirklich großer Schmäherfolg. Das verzeiht uns die Mama nie, dass wir die Mama am Foto nicht erkennen, sagt die Tochter. Na ja, Schwein gehabt. Die Mama hat sich am Foto selber nicht erkannt. Tagelang sitzt sie nun schon davor, mit und ohne Lesebrille oder Lupe und grübelt. Irgendwann gibt sie auf. Sie hat nicht nur sich selbst nicht erkannt. Die anderen Kinder kennt sie auch nicht wirklich. Na ja, den oder die da vielleicht. Seltsam, wie schnell die Zeit vergeht. Meine Frau freut sich schon sehr aufs Klassentreffen.
Weil nämlich eh alles nur ein Irrtum war. Und unsere Lesebrillen doch in Ordnung sind. Die Seltsamen vom Land hatten meiner Frau das Foto vom vorigen Jahrgang geschickt. Das Klassentreffen war lustig. Einer vom vorigen Jahrgang war damals in der Volksschule verliebt in sie, sagt meine Frau. Jetzt ist er Automechaniker.