Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

In vergangenen Zeiten war eine Stadt eindeutig definiert. Da gab es eine Stadtmauer mit Toren. Auf der einen Seite des Tors warst du drinnen, auf der anderen draußen. Und die Menschen, die kontrolliert haben, wer da mit welchem Gemüse die Stadt betreten durfte, nannte man "Spinatwachter". Aber das nur nebenbei. Und weil so Städte gern voll waren mit Menschen und Möbeln und Vorräten und Geld, gab es immer andere Menschen, die diese Städte gern überfallen haben. Dann wurden die Mauern und Tore bestürmt und ab und zu auch eingenommen. Die Tore wurden mit Rammböcken aufgebrochen (im Mittelhochdeutschen nannte man das "Ficken"), und dann wurde geplündert, gebrandschatzt und geschändet, als gäb’s kein Morgen.

Es gab aber immer ein Morgen. Dann zogen die Belagerer ab. Und was machten die Stadtbewohner? Genau: eine neue Mauer. Größer und kräftiger als die vorherige. Mit dickeren Toren und Basteien und Wehranlangen und was der militärisch-industrielle Komplex vergangener Zeiten zusammen mit den Vorläufern von Richard Lugner so im Angebot hatte. Und wieder war dem Besucher klar: Hier fängt die Stadt an. Und da hört sie auf.

Aber die Zeiten ändern sich. Spätestens seit Napoleon wusste man: Mauern sind sowas von gestern. Selbst die Chinesen bauten keine mehr. Nur vereinzelt in kleinen rückständigen Gemeinden im Burgenland und den USA finden sich Leute, die glauben, dass Mauern Schutz bieten. Aber auch das nur nebenbei.

Ohne die klar definierende Stadtmauer begannen auch die Grenzen der Stadt zu verschwinden. Plötzlich war es nicht mehr so eindeutig: Bin ich noch drinnen? Oder schon draußen? Jeder, der schon einmal in Liesing war, weiß, was ich meine.

Und doch gab es Hinweise, Signale, untrügliche Zeichen, die einen warnten: Achtung! Bald betreten Sie das unwirtliche Umland! Wenn man mit dem Auto (oder dem Fahrrad) von der Wiener Innenstadt immer Richtung Osten gefahren ist, kam zuerst der Donaukanal (okay), dann die Donau (hmmm), die Alte Donau (schön, aber jetzt wird’s langsam...), das Donauzentrum (sei auf der Hut), und dann erhob sich als letzter Leuchtturm der Zivilisation: das Rinterzelt.

Geriet das Rinterzelt außerhalb des Blickfelds, war dem Wiener klar: Achtung, du bist jetzt in einem unbekannten, feindlichen Landstrich, wo seltsame, verbogene Menschen wohnen, die dunklen, menschenfeindlichen Riten anhängen (zum Beispiel Kirtag). Kurz: Du bist in Feindesland. In Niederösterreich. (Eines der wenigen Länder, die es übrigens geschafft haben, zu einem Verbum zu werden. Jemanden zu "niederösterreichern" gilt weltweit als schweres Verbrechen. Außer in... Naja, man kann es sich denken.)

Das Rinterzelt aber ist nun nicht mehr. Einfach weggesprengt. So wird es passieren, dass der unbedarfte Wiener ohne die weithin sichtbare gebaute Warnung unfreiwillig ins Marchfeld gerät. Und was dann passiert . . . Man will es sich nicht vorstellen. So möchte ich ein Wienerlied anstimmen, in Moll und im Dreivierteltakt, mit ebenso vielen Vierteln im Blut zu singen: "Das Rinterzelt, es ist nicht mehr/ Das Rinterzelt, ich vermiss es sehr/ Zum Rinterzelt sag ich jetzt: ‚Tschau!‘/ Und der Müll kommt eh in die Spittelau! Haaaallooooo!"