Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.

Wenn ich mit dem Auto fahre, höre ich gerne Ö3. Das Musikprogramm lenkt weniger ab als eine kontroversielle Diskussion auf Ö1, und die Verkehrsnachrichten sind akkurat. Mir kommt vor, dass sich auf Ö3 eine Programmschiene besonderer Beliebtheit erfreut und deshalb ausgeweitet wird: "Sie wünschen, wir spielen!"

Da ruft beispielsweise ein selbstbewusstes Mädel an und sagt:

"I bin die Sara aus Scheibbs. I wünschat ma ,A Sky Full Of Stars‘ von Cold Play!" Darauf die Moderatorin: "Spielen wir gerne. Los geht’s!"

Das ist allerhand, denke ich mir. Da heißt es immer, der Konjunktiv liege im Sterben, aber die Ö3-Hörerin hat keine Scheu, ihn zu verwenden: "Ich wünschte mir . .." Genau das hat sie gesagt. Es ist ein Konjunktiv der Höflichkeit. "Ich wollte dich etwas fragen" ist inhaltlich dasselbe wie "Ich will dich etwas fragen". Aber wir haben das Gefühl, dass der Konjunktiv höflicher klingt. Wir wollen ja nicht mit der Tür ins Haus fallen. Jetzt, wo die Schnupfenzeit beginnt, höre ich oft den Satz: "Könntest du mir bitte ein Papiertaschentuch borgen?" - "Ja, ich könnte. Du darfst es übrigens behalten, nachdem du es verwendet hast."

Ich bin mir sicher, Sara aus Scheibbs wird auch den "richtigen" Konjunktiv verwenden. Sie könnte beispielsweise zu ihrem Freund sagen: "I gangat heit gean mit dir ins Kino, owa i hob muagn Mathe-Schularbeit."

Es ist tatsächlich so: In der Mundart haben wir keine Scheu vor dem Konjunktiv, auf einer höheren Sprachebene hingegen schon: "Ich würde ja gerne heute mit dir ins Kino gehen, aber . .." Die Umschreibung mit "würde" ist eine Art Hilfskonjunktiv. Inhaltlich ist es dasselbe wie der "richtige" Konjunktiv.

Und früher? Früher war alles anders. Denken Sie an die konjunktivischen Formulierungen in Beethovens "Eisenstädter Testament". Angesichts seiner fortschreitenden Schwerhörigkeit schrieb er die berührenden Zeilen: "Aber welche Demüthigung wenn jemand neben mir stünd und von weitem eine Flöte hörte und ich nichts hörte, oder jemand den Hirten singen hörte, und ich auch nichts hörte (. ..) es fehlte wenig, und ich endigte selbst mein Leben - nur sie, die Kunst, sie hielt mich zurück".

Man könnte sagen: Die Zeitwörter sind selber schuld, dass der Konjunktiv ausstirbt. Die schwachen Verben können keine eindeutigen Konjunktivformen bilden, diese sind formgleich mit dem Indikativ des Präteritums: redete, hörte und endigte. Nur bei den starken Verben funktionieren die Konjunktive gut: "Wenn jemand neben mir stünde und sänge .. ." Die Sache ist übrigens komplizierter als es scheinen mag: Es gibt einen Konjunktiv I und einen Konjunktiv II, der auch Irrealis genannt wird, also Unwahrscheinlichkeitsform. Wenn der Konjunktiv I nicht eindeutig ist, dann verwenden wir den Konjunktiv II, und das ist dann kein Irrealis. Aber das wäre schon das Thema einer weiteren Glosse.

Sieht man von einigen ganz schwierigen Fällen ab, können wir von starken Verben den Konjunktiv problemlos bilden, denn wir haben diese Formen mit der Muttermilch aufgesogen. Aber wenn wir den Konjunktiv retten wollen, hilft nur eines: Wir müssen wir ihn verwenden! "Ich ginge heute gern mit dir ins Theater . .."