Ich habe in meinem Leben noch kein einziges Buch von Peter Handke gelesen. Nicht einmal das mit dem Tormann und dem Elfmeter, wo zwar jeder im Wirtshaus den Titel kennt, aber kaum fragst du, worum geht es da eigentlich in diesem Buch, sagen die alle, keine Ahnung, schon lange her, dass ich es gelesen habe. Früher habe ich oft in Griffen Pause gemacht, wenn ich von Wien nach Kärnten gefahren bin. Da gab es einen kleinen Ortskern, durch den sich ein Lastwagen nach dem anderen schob, da gab es eine Fleischhauerei, die erstklassigen Leberkäse machte, und über allem gab es da das Gefühl, dass jeden Moment der Dichter um die Ecke kommen kann. Oder die Mutter des Dichters. Oder zumindest irgendeine alte Frau, die du fein für die Mutter des Dichters halten kannst. Es ist immer sehr literarisch zugegangen am Parkplatz vor der Fleischerei in Griffen.

Mir hat es in Griffen so gut gefallen, weil ich sofort den
Titel "Wunschloses Unglück" im Kopf hatte, wenn ich dort aus dem Auto stieg. Dieses Buch von Handke habe ich auch nie gelesen, aber ich liebe den Titel und schon damals meinte ich zu wissen, dass es in Griffen spielt. Ich lungerte gerne vor der Fleischerei herum, biß in den Leberkäse und schaute den Menschen von Griffen bei dem zu, was dem Dichter ein wunschloses Unglück war. Ich begriff, dass Griffen perfekt zu diesem Titel passte. Zumindest damals, als ich noch im roten Golf gefahren bin. Wie Griffen heute ausschaut, weiß ich nicht. Ich bin schon lange nicht mehr dort gewesen. Seit der Autobahn fahre ich darüber hinweg.

Peter Handke ist einmal bei uns auf der Hotelterrasse gesessen. Er war alleine. Ein sehr dünner Mann mit sehr langen Haaren. Als es dunkel wurde, wollte mein Vater das Gartenlicht aufdrehen. Handke bat um Dunkelheit. Er setzte sich durch. Die anderen Gäste verließen die Terrasse. Der hat doch einen Hieb, sagte mein Vater hinterher außer Hörweite. Das ist ein Dichter, meinte meine Mutter. Da muss man andere Maßstäbe gelten lassen.