Wenn sich die Gläubigen Anfang November aufmachen, um die Gräber ihrer verstorbenen Familienangehörigen zu besuchen, dann folgen sie einer Tradition, die weit in die Geschichte der Religion zurückreicht und in der Totenverehrung der alten Ägypter sowie dem Totenkult im alten Rom ihre Höhepunkte gefunden hat.

Ihr "Allerheiligen/Allerseelen" feierten die Römer aber nicht im November, sondern von 13. bis 21. Februar: In dieser Zeit wurde zunächst in den Familien der Toten gedacht und schließlich im Rahmen von öffentlichen Zeremonien für die Verstorbenen gebetet. Diese Parentalia waren hohe Festtage, während denen die Tempel geschlossen blieben. Allerdings war man im alten Rom davon überzeugt, dass es auch missgünstige Totengeister gab, die man Lemuren nannte. Im Mai fanden daher die Lemuria statt, bei denen man Rituale durchführte, um die bösen Geister zu besänftigen: Um Mitternacht wusch der Haushaltsvorstand seine Hände, berührte sein Gesicht mit dem Daumen und warf schwarze Bohnen mit abgewendetem Gesicht von sich, wobei er neunmal ausrufen musste: "Das werfe ich von mir, damit kaufe ich mich und die meinen frei." Man nahm an, dass die Geister die Bohnen aufsammeln und unsichtbar dem Anrufer aus dem Haus folgen würden.

Außerdem hatte es sich eingebürgert, während der Rosalia, dem Rosenfest im Mai und Juni, Rosen an den Gräbern niederzulegen. Wichtige jährliche Gedenktage waren Geburtstag und Sterbetag eines verstorbenen Familienmitgliedes. Am Dies natalis und den Festi dies anniversarii hielten die Verwandten und Freunde am Grab ein Totenmahl ab. Weiters war es üblich, dass an den besonderen Festtagen jeden Monats - den Kalenden, Nonen und Iden - Lampen am Grab angezündet wurden.

Durch diese Zeremonien sollte den Verstorbenen Trost zuteil und ihre ungebrochene Zugehörigkeit zur Familie verdeutlicht werden. Vermögende Römer verfügten eigens in ihrem Testament, dass mit ihren hinterlassenen Gütern regelmäßige Speis- und Trankopfer sowie Blumenspenden finanziert werden sollten.

Die römischen Gräber befanden sich in der Regel außerhalb der Städte und wurden entlang der zentralen Zufahrtsstraßen angelegt; vornehme Römer ließen ihre repräsentativen Grabmäler entlang der bedeutenden Via Appia errichten, wobei es hinsichtlich des Aussehens der Grabanlage keine einheitliche Regelung gab: Es sind alle Formen monumentaler, zuweilen hypertropher Grabarchitektur vertreten, Pfeilergräber, Grabaltäre, Grabkapellen, Hügelgräber, ja sogar Pyramiden konnten von den Passanten bestaunt werden und so die hohe soziale Stellung der Familien der Toten zum Ausdruck bringen.