Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Wissen Sie, was ein Meme ist? Genau hätte ich es, spontan befragt, auch nicht definieren können. Vielleicht so: ein Spaßettl des 21. Jahrhunderts. Sarkasmus, in Bits und Bytes gemeißelt. Ein Insiderwitz der Generation Internet mit möglichst weiter Verbreitung. Der Begriff Meme (ausgesprochen: Miem) leitet sich vom griechischen Wort "mimema" ab, was so viel bedeutet wie "etwas Irritierendes" oder auch "Nachgemachtes". Das kann alles sein: ein schräger Schnappschuss, ein Videoschnipsel, eine Songzeile, ein Werbeclaim für Katzentrockenfutter, versehen mit einem aufreizenden Begleittext. Abgesetzt als Flaschenpost im Mahlstrom der Social-Media-Kanäle entwickeln Memes oft ein erstaunliches Eigenleben. Was wäre das Internet ohne dieses Phänomen?

Apropos: Happy Birthday! Es ist gerade ein halbes Jahrhundert alt geworden, das Internet. Weil am 29. Oktober 1969 erstmals zwei schrankgroße Computer in den USA direkt in Verbindung traten. Zwei Jahre später wurde das erste E-Mail versandt. Wann Katzenfotos, Fake News oder Raumschiff-Enterprise-Memes ihre Premiere feierten, ist unbekannt. Heute können Sie auf YouTube den tödlichsten Witz der Welt aufrufen, einst entwickelt von der britischen Humoristentruppe Monty Python. Zumindest als schier endloses Vorratslager für die trefflichsten Geistesblitze, blödesten Sprüche, schönsten Künste, niedersten Regungen und höchsten Gefühle hat sich das Internet in den fünf Dezennien seiner Existenz bewährt. Ob man mehr darin erblickt, ist eine Frage der Perspektive.

Zurück zum Ausgangspunkt: Memes. Ein Bild-Text-Witz, der gerade im Cyberspace kursiert, geht so: Eine junge, hübsche Frau spricht mit einem Mann. Sie sagt lächelnd: "Ich bin Instagram-Model und Influencerin." Er strahlt zurück und antwortet: "Ich kann auch nichts." Das war’s. Joaquin Phoenix als "Joker" (Film des Jahres!) wäre längst in diabolisches Lachen ausgebrochen - und, ja, auch ich kann mir, wann immer mir dieses Meme unterkommt, ein Grinsen nicht verkneifen. Denn es spiegelt einen Internet-Trend der letzten Jahre in brutaler Schärfe wider: weg vom Wort, hin zum Bild. Oder, zugespitzter: bunte Oberflächlichkeit statt verbaler Tiefgang. Das Stichwort "Instagram-Model" spielt ungeniert auf den Hang zur Selfie-Nabelschau an, der weite Teile der jüngeren Generationen wie eine Sucht erfasst hat. Insofern erstaunt es nur wortverliebte Best Ager, wenn WhatsApp, YouTube, Instagram und Snapchat dem textlastigeren Social-Media-Giganten Facebook den Rang abgelaufen haben. Twitter hechelt sowieso nur noch hintennach, Newcomer wie TikTok oder Twitch sind längst vorbeigezogen. Ich hab’ da noch nicht mal reingerochen, aber vermute - jede Wette! - einmal mehr Bild- und Bewegtbild-Lastigkeit.

Es ginge, hat mich ein mittelalter weiser Mann im Oldie-Kanal Facebook aufgeklärt, um maximale visuelle Belohnungsimpulse in Sekundenbruchteilen. Jetzt ahne ich auch, warum mir z.B. die Faszination von Instagram bis heute verschlossen blieb: Ich betrachte gute, aussagekräftige Fotos gerne lange und intensiv. Ohne lästiges Tagging-Beiwerk. Und deutlich lieber im Großformat als auf verschmierten, vergleichsweise winzigen Smartphone-Displays. Der Witz ist: Das Bild sagt mehr als tausend traurige Worte.