Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mieming in Tirol.
Irene Prugger, geboren 1959, lebt als Schriftstellerin und freie Journalistin in Mieming in Tirol.

Zu Allerheiligen nahm ich mir vor, einen literarischen Friedhof zu besuchen. Dabei stehen unzählige Möglichkeiten zur Auswahl - romantische, traurige, lustige, unheimliche, vom Vergessen überwucherte, vernachlässigte sowie bestens gepflegte Friedhöfe.

Allein schon jene Romane, die mit "Friedhof der..." titeln, könnten eine Bibliothek füllen. Etwa "Friedhof der Elefanten" von Karin McQuillan, "Friedhof der Klaviere" von José Luís Peixoto, der Erzählband "Friedhof der Riesen" von Lucy Wood, "Friedhof der bitteren Orangen" von Josef Winkler, "Friedhof der Teekannen" von Elmar Hruby oder der Thriller "Friedhof der Trucks" von Manfred Weinland.

Andrew Miller untersucht in seinem Roman "Friedhof der Unschuldigen" Befindlichkeiten des Volkes am Vorabend der Französischen Revolution. "Friedhof der Badeenten" wiederum ist ein Krimi für die Wanne von Hugo B. Lauenthal, wasserfest und für Erwachsene geschrieben.

Unangefochtener "Friedhof der"-Bestseller ist "Friedhof der Kuscheltiere" von Stephen King. Niemals zuvor wurden Katzen so schaurig beschrieben. Nicht ganz so nervenaufreibend liest sich "Tatort Friedhof - 13 Kriminalgeschichten aus Wien" von Herausgeberin Edith Kneifl. Und wer schon als Kind in die Krimiliteratur eingestiegen ist, hat sicher noch Enid Blytons "Fünf Freunde und der rätselhafte Friedhof" in bester Erinnerung.

In Elisabeth Ligensas Erzählung "Der Friedhof" tritt ein Friedhof selbst als Erzähler auf, die "Friedhofgeschichten" von Eva Fings (so habe ich mir sagen lassen) sind unterhaltsam, aber flach wie ein eingeebneter Grabhügel, der "Friedhof für Verrückte" von Ray Bradbury verbindet Elemente der Detektivgeschichte mit dem Horrorgenre. Der Roman "Buch über den Friedhof" des slowakischen Autors Samko Tále ist ein sehr erfolgreiches, vielfach übersetztes Buch, erschienen 2010 im Wieser Verlag. "Der Friedhof in Prag" heißt der sechste Roman Umberto Ecos. Und "Die letzten Meter bis zum Friedhof" von Antti Tuomainen verursacht keine Albträume, sondern liest sich sehr unterhaltsam. Natürlich darf auch ein Literaturnobelpreisträger in der Aufzählung der Friedhofsliteratur nicht fehlen. "Der Weg zum Friedhof" von Thomas Mann ist eine Novelle, in der sich ein alter Choleriker über einen jungen Radfahrer echauffiert, der das unbeschwerte Leben symbolisiert.

Lesenswert sind natürlich auch Friedhofsgeschichten, die auf den Friedhof im Titel verzichten, wobei hier aus Platzgründen nur Robert Seethalers "Das Feld" mit Stimmen aus dem Totenreich über allerletzte Erinnerungen und Khaled Khalifas Roman "Der Tod ist ein mühseliges Geschäft" - eine Parabel auf die syrische Tragödie - genannt werden können. Die literarisch-belle-tristischen Friedhofsbesuche ließen sich fast endlos ausdehnen, wobei sich das Ausgraben nicht bei allen Werken lohnt. Viele sollte man auf dem Friedhof der vergessenen Bücher ruhen lassen.