Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.
Severin Groebner ist Kabarettist, Autor und Gründungsmitglied der "Letzten Wiener Lesebühne". Sein neues Buch mit zahlreichen Kolumnen (unter anderem auch aus der "Wiener Zeitung") heißt "Lexikon der Nichtigkeiten" und ist im Satyr-Verlag (Berlin) erschienen.

Allerseelen. Ein Fest für die Dahingeschiedenen. Wir sammeln uns auf dem Friedhof und verteilen Blumen. Dann zum Schnitzelessen, schließlich geht es um die Seele. Und wie hat Winston Churchill so schön gesagt: Man soll dem Leib etwas Gutes bieten, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen. Deshalb noch einen Erdäpfel-Vogerlsalat dazu. Dann denkt man wieder an die Verblichenen. Aber welche?

Denkt man an den Onkel Hubert, der ganz ohne Frau und Kinder gestorben ist? Aber dafür oft nach Thailand geflogen ist und sich dann - wahrscheinlich beim Essen - diese Hepatitis C eingefangen hat, die ihn dann leider auch ins Grab befördert hat. Könnte man machen. Schließlich hat man ja sein Haus und den Grund geerbt und den großen, großen Keller. Das war schon schön von ihm. Auch wenn man ein paar Sachen aus dem Keller hat wegräumen müssen. In der Nacht. Damit die Nachbarn nicht allzu viel davon mitbekommen. Ja, an den Onkel Hubert könnte man denken. Aber nicht an die Details.

Oder denkt man an die heuer verstorbenen Prominenten? Werner Schneyder, Rudi Hundstorfer, Lotte Tobisch? Letztere sogar mit einem tirolerischen Schüttelreim: "Tote lob’ isch/ Zum Beispiel Lotte Tobisch." Aber eigentlich wird an die sowieso ausreichend gedacht. Vielleicht einmal an die unbekannten verblichenen Seelen denken.

An die vielen, vielen Toten im Mittelmeer? Aber die sind so unangenehm nass. Und so ausländisch. Wer weiß, was da die Nachbarn denken? Oder an die zahlreichen Verkehrstoten? Die ganzen angesoffenen 25er, die sich im Schwang ihrer Adoleszenz unsterblich wähnen, diese eingebildete Immortalität mit weitaus überhöhter Geschwindigkeit auf der Landstraße überprüfen und dann empirisch das Gegenteil feststellen müssen? Ja, könnte man. Aber dazu gibt es ja die hübschen Marterln an der Landstraße. Das Memento-mori-Moment des Individualverkehrs. Dann lieber an die Drogentoten denken . . . Wenn die nicht so ungesund aussähen.

Nein. Lieber an jemanden denken, der aus der Nachbarschaft stammt. Oder stammen könnte.

Wie wäre es, diese Allerseelen all jener ermordeten Frauen dieses Jahres zu gedenken? Da hat man ausreichend zu tun. Erinnern Sie sich? Im Jänner waren es schon fünf Morde an Frauen in einem Monat hintereinander. Da war was los in den Zeitungen. Und im Internet. Hui! Da wurde berichtet. Da wurde gefragt, diskutiert, moralisch entrüstet gepostet. Dann ist das ein bisschen eingeschlafen. Also nicht das Morden, nein, nur das Entsetztsein. Jetzt sind neun weitere Monate ins Land gezogen und viele, neue Tötungsdelikte von Männern an Frauen haben - kurz - die Chronik-Seiten gefüllt. Zell am See, Kitzbühel, Kottingbrunn . . . ja, eh. Aber was soll man machen?

Das ist doch nur . . . wie heißt das? Strukturelle patriarchalische Gewalt? Nein! Das ist eine Familientragödie, ein Beziehungsdrama, sozusagen gehäuftes Auftreten beklagenswerter Einzelfälle.
Man weiß ja nicht, wie es bei den Nachbarn wirklich zu geht. Geht einen ja auch nichts an. Und umgekehrt. Sonst hätte man ja
die Sachen vom Onkel Hubert immer noch im Keller stehen.

Also denken wir heute lieber an morgen. Da hat der Hubert nämlich Namenstag. Und Weltmännertag ist auch. Passt.