Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.
Robert Sedlaczek ist Autor zahlreicher Bücher über die Sprache, jüngst ist bei Amalthea "Österreichisch für Fortgeschrittene" erschienen.

Kennen Sie den? "Der Tuchhändler reklamiert schriftlich beim Lieferanten: ,. . . und habe ich ein Loch inmitten des Tuches entdeckt.‘ Tage später antwortet der Lieferant: ,Und war ich bisher der Meinung, dass ein jeder Toches in der Mitte ein Loch hat.‘"

Das ist ein alter Witz, wobei im Jiddischen das Maskulinum Toches, manchmal auch Tuches, der Allerwerteste ist. Als in grauer Vorzeit im Hebräischen nur die Konsonanten geschrieben wurden, musste man sich die Vokale hinzudenken - was dazu führte, dass bis zum heutigen Tag bei den Vokalen eine große Schwankungsbreite besteht.

Der Witz ist auch aus einem weiteren Grund interessant. Hier werden offensichtlich zwei Hauptsätze mit "und" verknüpft. Präsentiert wird uns nur der zweite Hauptsatz, und dieser hat eine ungewohnte Wortstellung: Zu erwarten wäre: ". . . und ich habe ein Loch entdeckt", stattdessen heißt es: ". . . und habe ich ein Loch entdeckt". Wenn sich einst Tuchhändler und Lieferanten Briefe schrieben, dürften sie diese Abfolge der Wörter bewusst gewählt haben.

Aber nicht nur Kaufleute haben es getan. Im Schriftsatz mancher Rechtsanwälte findet man noch heute Sätze, in denen gegen das gängige Wortstellungsmuster verstoßen wird. Bei einer Befragung meiner juristisch tätigen Freunde und Bekannten stellte sich heraus, dass diese sprachliche Eigenart heftig umstritten ist. Die einen meinten, das sei eine traditionelle Ausdrucksweise der Juristen, die nicht aussterben dürfe, weil sie einfach Charme hat. Die anderen liefen dagegen Sturm: Damit werde die deutsche Sprache mit Füßen getreten. Einer meinte: "Es ist hässlich und klingt antiquiert, aber ich muss mich dem Stil der Kollegen anpassen."

Früher ist das Prinzip auch am Ende eines Briefes üblich gewesen: ". . . und verbleibe ich mit meinen besten Grüßen" statt
". . . und ich verbleibe mit meinen besten Grüßen".

Das Thema wird seit langem heftig diskutiert. Ich habe den Leitenden Staatsanwalt Robert Fucik gefragt, woher diese Eigenart kommt - als Autor der Kolumne "Sprache und Recht" in der "Österreichischen Juristenzeitung" ist er ein Berufskollege. Wir haben mögliche Erklärungen erwogen, aber keine konnte uns überzeugen. Ihm verdanke ich einen scherzhaften Mustersatz, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: "Ich habe den Beklagten aus Liebe geheiratet und war die Ehe anfangs gut."

Die Wortfolge Verb-Subjekt signalisiert normalerweise einen Fragesatz: "Gehst du mit mir heute ins Kino?" Sie ist aber in einigen Fällen auch in Aussagesätzen regelkonform, zum Beispiel dann, wenn der Satz mit einem Temporaladverb eingeleitet wird: "Jetzt gehe ich heim!" Oder bei einem Ausruf, der mit "es" beginnt: "Es laufen fremde Hunde im Garten herum!" Oder bei einem "so" am Satzbeginn: "So zerstörst du dir deinen guten Ruf!"

Die Verabschiedungsformel bei Briefen könnte man durch Einfügen eines "somit" regelkonform machen. ".. . . und somit verbleibe ich mit besten Grüßen. . . " Aber die Methode klappt nicht in allen Fällen. Handelt es sich um ein Überbleibsel der altösterreichischen Kanzleisprache? Oder ist es eine Eigenart des österreichischen Deutsch? Kann jemand Licht ins Dunkel bringen?