Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

"Die Welt, die ihr nicht mehr versteht" - das ist, zugegeben, ein aufreizender, anstachelnder Titel für ein Buch. Er sagt: kauf mich, schau rein, da lernst du etwas. Freilich nur dann, wenn man sich eher dem "ihr" zurechnet als der durch eine unsichtbare Trennlinie separierten Schar der Auskenner rund um den Buchautor Samuel Koch. Wobei: Schar ist es aus Sicht von Koch keine. Sondern eine ganze Generation. Die Jungen. Mit dem alten, forschen Distinktions-trick: wir hier, die da. Ich gehöre nirgends dazu. Denn ich verstehe schon den Untertitel des Buchs nicht: "Inside Digitale Revolution". Ist das Jugendsprache? Ein Druckfehler? Oder kann da jemand nur schlampig Englisch? Ich habe mir das Buch bestellt, nachdem ich ein recht kurzweiliges, weil keckes Interview mit Samuel Koch gelesen hatte. Der junge Mann, 1994 in Deutschlandsberg geboren und eingeführt als Schüler-Lobbyist und digitaler Unternehmer, holte sich dort im Online-Forum gleich jede Menge virtuelle Watschen für seine provokanten Wortspenden. Andererseits sind Großkotzigkeit und Aufbegehren ein natürliches Privileg der Jugend. Ich beschloss also, mich ernsthaft mit seiner Botschaft auseinanderzusetzen. Zumal ein vertrauenswürdiger Mann, der EU-Jugendbotschafter Ali Mahlodji, das Buch so anpreist: "Samuel Koch hat den eindringlichsten Wegweiser ins digitale Zeitalter geschrieben. Ein Werk, das auf den Tisch jedes Erwachsenen gehört."

Da liegt es nun. 156 Seiten stark. Man braucht nicht lange, um es zu lesen. Auch, weil man irgendwann dazu übergeht, das Buch nur mehr durchzublättern, um einen Absatz zu studieren oder ein, zwei Gedanken wahrzunehmen. Immerhin. Es ist nicht so, dass dieses Werk keine Gedanken enthielte. "Kein Respekt mehr vor der Tradition", wie es Ali Mahlodji formuliert, "nur mehr vor der Vernunft". Aber warum ist dann zwei Seiten weiter schon von einem "eisigen Gegenwind gegenüber der Digitalisierung" die Rede, wenn eh alles rasant in diese Richtung treibt? Doch lassen wir Youngster Samuel selbst zu Wort kommen: "Ich fordere euch auf, euch zurückzuziehen oder euren Rückzug jetzt vorzubereiten." Jössas. Warum? "Ihr habt den Anschluss an den technologischen Wandel, der alle Lebensbereiche durchzieht, verloren."

Kurzum: Hier regiert - noch - ein "überholtes Modell Mensch", das einfach im Weg steht. Auftritt Koch, ganz Generation Business-Punk: "Ich habe eine Mission. Sie besteht darin, jungen Menschen unternehmerisches Denken beizubringen." Immerhin kommt in diesem Umfeld Greta Thunberg mehr Einfluss zu als dem Erfinder des Geilomobils (den Samuel Koch angeblich berät). Und schließlich rutschen sogar Straßenschlachten ins visionäre Radar. Zukunftspessimismus? Auch ein überholtes Modell. "Wir brauchen den Fortschritt zur Rettung der Welt."

Wie genau die Welt gerettet werden kann und soll, wo uns doch die Zeit davonläuft (Rasanz ist aber grundsätzlich positiv!), bleibt leider offen. Ich will nicht zynisch sein: Es wäre leicht, dieses Manifest in Grund und Boden zu argumentieren. Aber es zu lesen, ist kein Fehler. Das Buch ist auf eine widrige Weise sehr lehrreich. "Wir denken anders", schreibt Koch. Ich glaube, er irrt. Gewaltig. Aber dem Jungspund das genauer zu erklären, dafür bin ich zu alt. Ich werde es bei einer alternativen Buchempfehlung belassen; nächste Woche hier zu lesen.