Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Da diese Kolumne lange Zeit den Übertitel "Diarium" trug und ja auch nach wie vor so eine Art Tagebuch ist, führt man als Kolumnist sozusagen ein Meta-Tagebuch, um Ideen festzuhalten, die einen im Laufe der Tage ereilen, meist als Inspirationen aus völlig unerwarteter Quelle, von semantischem Reiz und ungewollter Komik, wie jene kurze Unterhaltung in einem Zugwaggon drei Plätze weiter, als eine junge Frau ihren Begleiter verwundert fragte, wie er das (was immer es war) hatte ahnen können, und der junge Mann antwortete: "Keine Ahnung".

Nun kann man daraus sicher keine Kolumne machen, insofern blieb es beim Tagebucheintrag. Wie auch jene Notizen über die unfreiwillige Komik, die sich einstellt, wenn man durch einen Baumarkt schlendert, wo an jeder zweiten Ecke ein Experte verschwörerisch via Bildschirm unfassbare Erfindungen präsentiert: Sägen, mit denen sich runde Ecken schneiden lassen, und allerlei andere Dinge, die Probleme lösen, von denen man noch nie gehört hat. Es ist nach meiner Erfahrung die Art von Problemen, deren Lösungen durch die unfassbaren Erfindungen unerwartete neue Probleme erzeugen, die nur ein Handwerker teuer aus der Welt zu schaffen weiß, weshalb durchaus eine kleine Verschwörungstheorie denkbar wäre. Aber man vergisst das dann. Man kann sich nicht alles aufschreiben.

Eine Mitteilung aber schien mir doch archivierungswert. Es ging um einen Besen, mit dem sich Terrassenfugen auskehren lassen. Dieser Besen - so die den Vorübergehenden umschmeichelnde Stimme, die Ältere von uns noch an jene reisenden Staubsaugervertreter erinnert, ihrerseits analoge Ahnen von Amazon, die während der Verkaufsgespräche darüber berichteten, dass Kunden, die dieses Gerät gekauft hatten, auch bestimmte andere Geräte gekauft hatten, und dazu eine eigens angelegte fotografische Kompilation aufblätterten - dieser Besen also wurde vom virtuellen Baumarktexperten als ein Gerät "mit extrem hoher Tiefenwirkung" gepriesen.

Ich fand diese rhetorische Figur notiziabel und war beglückt, auf eine umsetzungsfähige Idee gestoßen zu sein, wiewohl sich dann bei der Umsetzung eben doch zeigte, dass sie sich nicht wirklich für eine tief wirkende Kolumne mit hohem Anspruch eignet. Es war wohl diese Art von Anwandlung, die sich auch gelegentlich einstellt, wenn man einen Berg erklommen hat und dort ein extrem tiefes Hochgefühl verspürt, von dem man meint, das sei vielleicht eine Kolumne wert. Sobald man aber wieder in den Fugen des Alltags kehrt, ist der Rausch verflogen, und man blättert weiter in der Kolumnen vorbereitenden Kladde. Und wie sich zeigt, habe ich diesmal nicht wirklich etwas gefunden.

Vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal. Denn gerade bin ich auf die Mitteilung eines Finanzexperten gestoßen, der - soweit ich das meinen Notizen entnehmen kann - seinen Kunden eine "garantierte Steigerung des Werterhalts" ihrer Investments versprach.