Manche Redewendungen aus dem Bereich der Politik haben merkwürdige Metamorphosen durchgemacht. Der Eiserne Vorhang ist solch ein Beispiel. Eine einfache Aufgabe ist es, den Eisernen Vorhang begrifflich gegenüber der Berliner Mauer abzugrenzen. Der Eiserne Vorhang trennte in ganz Europa den Ostblock vom Westen, die Berliner Mauer war ein kleiner Teil davon.

In Deutschland gedachte man vor wenigen Tagen des "Falls der Berliner Mauer" im Jahr 1989 - ein Ereignis, das oft als Wiedervereinigung bezeichnet wird. Um das Wort voll zu rechtfertigen, wäre aber auch eine Angleichung der Einkommensverhältnisse, der Berufschancen und der Lebensbedingungen notwendig. In der DDR wurde die Mauer beschönigend als "Antikapitalistischer Schutzwall" bezeichnet. Der Eiserne Vorhang war ein Symbol für die Trennung Europas in einen planwirtschaftlichen Osten mit Ein-Parteien-Staaten und einen marktwirtschaftlichen Westen mit demokratischen Mehr-Parteien-Systemen.

So wie in vielen anderen Fällen auch, fördert ein Blick in die Begriffsgeschichte interessante Details zutage. Der Ausdruck Eiserner Vorhang ist bei einem Theatergebäude im wörtlichen Sinn gemeint: eine Brandschutzmaßnahme, die seit dem Ringtheaterbrand 1881 vorgeschrieben ist. Der Schutzvorhang wird zu Beginn der Vorführung hinaufgezogen und am Ende herabgelassen.

Während des Ersten Weltkriegs trat der Begriff erstmals aus dem Theaterbereich heraus - die Wikipedia-Gemeinde hat die Belege zusammengetragen. Die erste Verwendung wird der britischen Schriftstellerin Vernon Lee, eigentlich Violet Paget, zugeschrieben, die nach Kriegsbeginn bedauerte, dass England und Deutschland durch einen "monströsen eisernen Vorhang" getrennt seien. Die aus Deutschland stammende belgische Königin Elisabeth beschrieb 1915 die Entfremdung gegenüber ihrer deutschen Verwandtschaft mit den Worten: "Ein eiserner Vorhang ist gefallen zwischen meiner Familie und mir."

Der erste nennenswerte Beleg aus der Politik stammt aus dem Februar 1945. Joseph Goebbels griff den Ausdruck, den eine Woche zuvor der Journalist einer Nazi-Zeitung geprägt hatte, auf: Bei einer deutschen Kapitulation würde sich vor dem von der UdSSR besetzten Territorium "sofort ein eiserner Vorhang heruntersenken, hinter dem dann die Massenabschlachtung der Völker begänne". Die britische Zeitung "The Times" übernahm die Formulierung. Nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht verwendete Winston Churchill, bereits abgewählt, den Ausdruck bei einer Rede in Fulton, Missouri, in Anwesenheit von US-Präsident Truman: "Von Stettin an der Ostsee bis Triest an der Adria hat sich ein Eiserner Vorhang auf Europa herabgesenkt. Dahinter liegen all die Hauptstädte der alten Staaten Mittel- und Osteuropas. Warschau, Berlin, Prag, Wien, Budapest, Belgrad, Bukarest und Sofia." Diese berühmten Städte unterlägen "zu einem sehr hohen und in einigen Fällen zunehmendem Maße der Lenkung durch Moskau".

Wenn seither die Ereignisse des Jahres 1989 als "Fall des Eisernen Vorhangs" bezeichnet werden, so ist das ein schiefes Bild. In diesem Jahr ist der Vorhang nicht gefallen, sondern in die Höhe gegangen.

Der "Eiserne Vorhang" sollte nicht fallen, sondern in die Höhe gezogen werden.