Vorige Woche lasen Sie an dieser Stelle einen krachenden Verriss. Das von mir verschmähte Buch wird sich dennoch verkaufen wie die warmen Semmeln. Oder gerade deswegen (ohne meiner Spontan-Rezension besonderes Gewicht zukommen lassen zu wollen). Denn fatalerweise entkommt man, auch wenn man eine explizite Warnung ausspricht, der Ökonomie der Aufmerksamkeit nicht. In digitalen Zeiten noch weniger als früher, als man im Kaffeehaus still in Gazetten blätterte - und nicht gleich einen launigen Social-Media-Eintrag formulierte. Der Schneeballeffekt ist das eigentliche Killer-Feature von Facebook & Co. So man es denn über eine gewisse Wahrnehmungsschwelle schafft.

Ich will diese Zeilen deswegen diesmal als positiven Durchlauferhitzer nutzen. Und drei Vorschläge für den vorweihnachtlichen Einkaufszettel unterbreiten. Empfehlungen, die aus meinem Blickwinkel tatsächlich den Zeitaufwand und den Kaufpreis wert sind! Da wäre gleich zum Auftakt "Realitätsschock" von Sascha Lobo zu nennen, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch. Das Sachbuch will "zehn Lehren aus der Gegenwart" ziehen und uns aus jener Schockstarre lösen, die aus der zunehmend erdrückenden Komplexität der Welt und des Alltags resultiert. Das zehnte Kapitel der raumgreifenden Analyse des deutschen Bloggers und Podcasters Lobo ("Spiegel Online") schlägt interessanterweise in dieselbe Kerbe wie der Autor des eingangs erwähnten Machwerks: warum die Älteren von den Jungen lernen müssen. Und zwar: rasch! Die durch die Rasanz und Totalität der Digitalisierung erwirkte Rollenumkehr ist nur ungleich überzeugender beschrieben - ganz ohne modischen "OK, Boomer"-Reflex. Müssen Sie sich übrigens nicht merken, dieses Meme, das für einen verschärften Generationenkonflikt steht: Die Zeitläufe schwemmen derlei von selbst hinweg.

You say you want a Revolution? Wer jetzt an die Beatles denkt, hat, von wegen Generationenfrage, schon verloren - wo doch Capital Bra, Apache 207, RAF Camora und sonstige deutsche Brachial-Hip-hop-Acts längst die Streaming-Zahlen und Charts-Rekorde der Fab Four aufgemischt haben. Nur so als Beispiel. "Wir werden uns und unsere Welt neu erfinden müssen", postuliert Christoph Kucklick in "Die granulare Gesellschaft" (Ullstein). In Sichtweite: eine Revolution der Differenz, also der Ungleichheit in der Gesellschaft, zudem eine Revolution der Intelligenz und eine radikale Umwälzung in puncto Selbst- und Fremd-Kontrolle. "Träumen Roboter von elektrischen Gesetzen?", lautet eine provokante Zwischenfrage. Wie immer gibt es keine definitiven Antworten, nur mehr oder minder verstörende (und partiell auch beruhigende) Zukunftsspekulationen.

Buchtipp Nummer drei: James Bridles "New Dark Age", Untertitel: Der Sieg der Technologie und das Ende der Zukunft (Verlag C.H. Beck). Hier ist ein Künstler und Computerwissenschafter mit Geburtsjahr 1980 am Wort - er lässt uns teilhaben an einer dystopisch explosiven Verdichtung von Fakten, Notizen und Assoziationen, die gravitätische Kräfte entwickelt wie ein Schwarzes Loch. Das Werk sei "funkelnd und düster wie ein Roman von H. P. Lovecraft", verkündet der Umschlag. Vielleicht doch nichts für den Gabentisch.

Profan, aber notwendig: drei Buchempfehlungen für den Gabentisch.