Als ich unlängst durch unseren Bezirk streifte, bemerkte ich dort, wo bis vor kurzem noch ein einstöckiges Gebäude gestanden war, eine Baulücke. Seine beste Zeit hatte das Haus schon lange hinter sich gelassen: Das im Erdgeschoß gelegene Gasthaus hatte noch im vorigen Jahrhundert seinen Betrieb eingestellt und war danach von Betreibern unterschiedlicher Herkunft für Speisenauslieferungen genutzt worden. Baufällig und mit verbarrikadierter Eingangstür bot das einstige Wirtshaus in seinen letzten Jahren einen derart erbärmlichen Anblick, dass etwaige sentimentale Gedanken schon im Ansatz erstickt wurden.

Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko, geboren 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Natürlich, es war die Stätte unseres ersten Bierkonsums gewesen - "Genuss" wäre das falsche Wort, da man in der Schulzeit aus anderen Gründen ins Wirtshaus geht, als um zu genießen -, und im Keller hatten wir viele unterhaltsame Nachmittage am Pingpongtisch zugebracht. Gerade noch die Aufschrift "Eingang Garten" erinnerte bis zum Abriss an diese längst vergangenen Zeiten.

Der jetzige Anblick erfreut auch nicht gerade das Auge: Ein von Planierraupen plattgewalzter Erdboden mit einigen Ziegelsteinen darin, zur Straße hin mit Planen abgesperrt, auf dem Gehsteig eine kleine Steinsäule mit Kapitellchen, auf der früher im Garten die Statue einer römischen oder griechischen Gottheit gestanden war. Dass hier in Bälde ein Schild stolz das Entstehen - höchstwahrscheinlich "frei finanzierter" - Wohnungen verkünden wird, ist keine allzu gewagte Vermutung. Allenthalben schießen der Nachfrage entsprechend neue Wohnhäuser aus dem Boden, "Wien wächst", wie unsere Stadtväter so gerne vermelden.

Und trotzdem: Die Vorstellung, auf der hässlichen Brache könnten künftig ein paar Bäume und eine Bank stehen - gar nicht zu reden von einem Pingpongtisch -, ist ein durchaus nettes Gedankenspiel. Ein Platz, auf dem nicht nur Passanten verweilen können, sondern auch das Auge des Betrachters ausruhen darf, ein wenig entspannende Leere mitten im weiten Häusermeer - das würde gut tun. So wie der Weißraum auf einer gut gestalteten Zeitungsseite: Da wird auch nicht alles vollgeschrieben und mit Bildern zugepflastert, obwohl es noch so viel zu sagen, noch so viel herzuzeigen gäbe.

Die jüngst verstorbene Lotte Tobisch beklagte einmal in einem Interview, das mit ihr zu führen ich das Vergnügen hatte, den in Wien vorherrschenden horror vacui. Ein besonderer Dorn im Auge bei dieser Angst vor der Leere war ihr das beständige "Bespielen" des Rathausplatzes. "Es gibt keine Oasen der Weite mehr", formulierte die einstige Grande Dame treffend. Wie wahr. Genauso wenig, wie der Rathausplatz mehr als ein paar Tage im Jahr in würdevoller Leere sich seinen Besuchern präsentiert und ihnen einen Blick auf Rathaus oder Burgtheater ohne Ablenkung ermöglicht, wird es den freien Platz in meinem Bezirk - mit oder ohne Bank oder gar Pingpongtisch - je geben.