Non vitae, sed scholae discimus. Man kann mit diesem Zitat des altrömischen Schriftstellers und Philosophen Seneca verlässlich die obergescheiten Bildungshuber im Bekanntenkreis entlarven - weil sie meinen, der Spruch ginge doch genau andersrum. Nicht für die Schule lerne man, sondern für’s Leben! Ein frommer Wunsch seit 2000 Jahren. Den Reality Check besteht unser Schulsystem kaum je, und kein Pisa-Test hat das Unvermögen entlarvt, grundlegende Notwendigkeiten abseits schematischer Lehrpläne zu vermitteln. Oder wissen Sie, wie ein Smartphone funktioniert? Was Negativzinsen bedeuten? Wie Klimaprognosen zustande kommen? Und warum Donald Trump in sein Amt kam?

Dass man vorrangig das Leben und Überleben studieren muss, um (auch) in der Schule bestehen zu können, diese bittere Lektion wurde einmal mehr dieser Tage vermittelt. Kurioserweise waren es die Lehrer, nicht die Schüler, die dabei schlucken mussten. Denn ein jugendlicher IT-Entwickler namens Benjamin Hadrigan hatte sich erdreistet, eine App zu basteln. Eine App zur, Gott steh’ uns bei!, Bewertung von Lehrern. Dass er das schlichte Programm euphemistisch "Lernsieg" taufte und das Schulnotensystem - von eins bis fünf - übernahm, darf als Treppenwitz gewertet werden. Denn eigentlich ist es damit nur eine Spiegelung traditioneller Machtverhältnisse, gegossen in eine digitale Klick- und Wisch-Weg-Petitesse. Mit inhärentem Spannungspotenzial.

Die Möglichkeit, Zensuren nicht nur zu empfangen, sondern vice versa auch verteilen zu können, wurde umgehend zensuriert. Oder, wie man es heute nennt: offline genommen. Denn es hatte sich augenblicklich ein Tohuwabohu um die App entwickelt, in dem es nur so Pro- und Contra-Argumente hagelte. Woran entzünden sich die Bedenken? Vorrangig an der anonymen Bewertung, wenn man der Lehrergewerkschaft glauben darf. Denn diese verführe doch automatisch zu einer strikt subjektiven, absehbar kleinmütigen, ungerechten und realitätsverzerrenden Notengebung. Und damit zu einer Demütigung des Lehrkörpers per se. Derlei würde die letzten Reste an Autorität zerstören, die unser antiautoritärer Zeitgeist und unser freigeistiges Erziehungssystem noch intakt gelassen hätten. Diese App sei also quasi ein neumoderner Pranger. Mit Verlaub: Das ist ein großer Schmarren. Bewertungssysteme sind ein wohleingeführtes, sehr effektives und beliebtes Prinzip im digitalen Dasein - und es gab derlei ja auch schon früher. Von den Sternen, die für Köche, Restaurants und Hotels verteilt wurden, über das beinharte Kunden-Feedback für Online-Händler bis hin zu nicht immer schmeichelweichen Rezensionen für Medien- und Kulturprodukte. Über Arbeits- und Schulzeugnisse, ihre Werthaltigkeit und Sinnhaftigkeit, brauchen wir gar nicht erst reden. Gibt es irgendetwas und irgendwen, der heute nicht bewertet, vermessen, beurteilt wird?

Freilich lässt sich fast alles auch manipulieren - von Followerzahlen bis zum gefakten Lob -, aber genau das ist doch die Lektion, die in einem zeitgemäßen Unterricht ein zentrales Thema für angehende mündige Staatsbürger sein müsste. Genauso wie der - bezeichnenderweise anonyme - Hass, der "Lernsieg" entgegenschlägt. Insofern ist die ganze Debatte ein herrliches Lehrstück.

App zur Bewertung von Lehrern entlarvt die Verzopftheit des Schulsystems.