Man lernt nie aus. Was also kümmert mich - frei nach Konrad Adenauer - mein Geschwätz von gestern, wenn mich nichts daran hindert, weiser zu werden. Einer der Vorzüge der geschmähten Social-Media-Plattformen ist ja, dass man sehr unmittelbar, divers und teils heftig mit kontroversen Einlassungen konfrontiert wird. Wenn man die Diskussion und kritisches Feedback generell nicht scheut. Im Klartext heißt das: Streckt man etwa auf Facebook den Kopf etwas weiter aus dem Fenster, bekommt man leicht eins auf die Nase. So ist das Leben.

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Ich war dann aber doch erstaunt, dass eine harmlose App solche Reaktionen hervorruft. Sie ahnen es: Es geht einmal mehr um "Lernsieg", ein Online-Formular zur Bewertung von Lehrern durch Schüler. Diese Applikation sorgte tagelang für Schlagzeilen, es kam zu Klagsdrohungen der Lehrergewerkschaft, allseitigen Emotionsausbrüchen und hitzigen Schlagabtäuschen pro und contra. Letztendes wurde "Lernsieg" aus den Download-Stores entfernt und ist derzeit nicht verfügbar. Weil, so das Team hinter dem erst 18-jährigen Entwickler, die Welle des Hasses, die die Software getriggert hatte, nicht zumutbar sei. Und man ja sich selbst auch einem konstruktiven Dialog und Lernprozess nicht verschließe. Der ist tatsächlich notwendig. Denn auch meine erste Reaktion - die glücklich verlaufene Schulzeit liegt Jahrzehnte hinter mir - war vielleicht zu sehr von forschender Naivität und fehlender Sensibilität für das heikle Verhältnis Lehrer - Schüler - Eltern geprägt. Wie mir rasch bewusst wurde, als ich die Reaktionen auf meine letztwöchige Kolumne las. Von der "Deformation des Menschen zur Warenform im Zeitalter des Datenkapitalismus" war da die Rede, von einer "Schnapsidee", "Blockwartwesen" und der Vermutung, final würde dann wohl ein "Endsieg" gefeiert. Und überhaupt: Wie es denn dazu komme, dass so viele anonym und ohne pädagogische Ausbildung meinten, bei dem Thema ihren Senf dazugeben zu müssen. Und man offenbar nicht wisse, dass es ja eh schon allerhand Kontrollorgane, Feedback-Schleifen und Bewertungsbögen gebe. Bis hin zum Pisa-Test, der ja Schülern und Lehrern gemeinsam ein Zeugnis ausstelle.

Eine Lehrerin schrieb mir gar, dieser "ständige Rechtfertigungsdruck" sei einfach "kränkend, frustrierend und sehr belastend". Und wenn derlei noch durch eine undurchdachte App verstärkt werde (bei der auch frustrierte Eltern und sogar Schulfremde mitstimmen könnten), sei das einem guten Lernklima gewiss nicht zuträglich. Verständlich!

Mein Vorschlag war (und je länger ich darüber nachdenke, desto zwingender erscheint er mir): Man drehe den Spieß um - und mache "Lernsieg" selbst zum Gegenstand des Unterrichts. Wie entwickelt man solch eine App? Was steckt im Programmcode? Wie ist das Business-Modell? Wie lässt sich die Bewertung manipulieren oder gar komplett fälschen? Warum löst eine Benotung solche Emotionen aus? Warum reflektiert unsere Gesellschaft und Berufswelt so sehr auf Bewertung? Existiert Objektivität, Gerechtigkeit, ein wechselseitiger Lernprozess? Und, letztlich: Wie hoch ist die Halbwertszeit solcher elektronischer Spuren im halböffentlichen Lebenslauf? Könnte ein brisanter, sehr zeitgemässer "reality check" werden. Denn: Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.

Mit der App "Lernsieg" kann man digitale Kompetenz trainieren.