Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.
Holger Rust, geboren 1946, ist Publizist und Professor für Soziologie in Hannover.

Heut geht’s um eine Lampe. Nicht sofort, denn die Begründung dafür, dass es um eine Lampe geht, ist kompliziert, weil es sich um Angewandte Mathematik handelt. Mathematiker also, die sich mit dem praktischen Einsatz ihrer Berechnungsmethoden beschäftigen und aus der Fülle jener theoretischen Einsichten, die unseren normalen Geistern wesensfremd erscheinen, die für die Zukunft (die digitale natürlich und in ihr die Wirkungen und Nebenwirklungen der weltweit digitalisierten Kommunikation unter Milliarden Individuen, die gern Bildchen austauschen, denn das ist ja angewandte Mathematik) bedeutsamen destillieren, sprechen gern - um nun zur Sache zu kommen -, wenn sich das anbahnt, was weniger inspirierte Geister "Trends" nennen, von Attraktoren.

Jean-Louis Domecqs 1950 entworfene "Loft".
Jean-Louis Domecqs 1950 entworfene "Loft".

Das ist sehr wichtig, offensichtlich, weil es die logischen Vorgänge im Internet erklärt, nämlich die Entwicklung von Turbulenzen zum Ruhezustand. Ich weiß! Die Kolleginnen und Kollegen von den Naturwissenschaften werden aufstöhnen ob dieser trivialen Definition. Aber immerhin besser als gar keine, wenn man erklären will, wie diese geheimnisvollen Trends zustande kommen und wie sie wieder verschwinden. Warum haben sich Millionen von Menschen auf der Welt eine Zeit lang mit buntem Puder beworfen? Oder seltsame Verrenkungen aufgeführt und gefilmt? Oder, um zur Lampe zu kommen: Warum erscheint weltweit in den Blogs und Bildstrecken bei Tumblr, Pinterest oder Instagram und zudem in allen erdenklichen Wohnzeitschriften und Werbebroschüren für Inneneinrichtungen die von Jean-Louis Domecq schon 1950 entworfene "Loft"?

Recherchen zeigen, dass dahinter keine große Werbekampagne steht. Es ist einfach passiert. Irgendwie ist dieses Gerät zu einem unverzichtbaren Accessoire geworden, so wie Sprachwendungen, die sich auf geheimnisvolle Weise in die Alltagsverständigung einschleichen, wenn man eigentlich nichts mehr zu sagen weiß - "am Ende des Tages" etwa. Viral nennt man das wohl, obgleich eine Lampe ja keine Krankheit ist wie eine Influenza. Und doch muss es jemanden geben, der als (sic!) Influencer gewirkt hat.

Wobei wir nun am Ende des Tages wieder bei der Mathematik sind, die natürlich auch dazu eine Erklärung beisteuert: Es handelt sich um eine Kaskade. Einer postet ein Bild von einer Katze, die unter einer Lampe döst, die jemandem anderen gefällt, der oder die das Bild dieser Lampe repostet, unter der eine Katze döst, dann entdeckt irgendjemand wieder ein Bild von dieser Lampe, ohne dass eine Katze drunter döst, und so geht es weiter, bis diese Lampe sozusagen zu einem kaum bewussten Ruhepol, zu einem Attraktor wird. Was nun die wahre Leistung der Angewandten Mathematik angeht: Sie zeigt, dass man so etwas nicht wirklich berechnen kann. Sehr beruhigend.