Heute, Morgengrauen. Senile Bettflucht lässt mich den Laptop aufklappen. Ein Dutzend launige Newsletter lauert im Elektropostfach auf Aufmerksamkeit - von "profil" über den "Falter" bis zur "Kleinen Zeitung", vom "Moment Magazin" bis zum Werbebranche-Fachorgan "Horizont". Als Draufgabe eine dringliche Depesche der Wirtschaftskammer. 29 ungelesene Mails, die auch was mit Medien zu tun haben, das übliche Business-Geklingel ("Walter, you have 16 invitations, 12 job changes and 426 new updates waiting for you on LinkedIn"). Kuriose Spam-Botschaften sonder Zahl ("Medizin-Rebell René Gräber deckt auf: Die 37 besten Medikamente zum krank werden"). Dazu Tageszeitungen im Türschlitz, die mittlerweile jeden bemühten Aufsatz zum Essay hochjazzen ("Peter Handkes jugoslawische Krankheit: ein Klärungsversuch"). Noch im Verdauungskanal: die banal-brisante Erkenntnis beim vorwöchigen Besuch des neuen FM4-Hauptquartiers am Küniglberg, dass - wenn alle jetzt zugleich Radio, Podcasts, TV, Internet, Newsletter, Imagevideos, Datensammlungen, Tweets, Facebook-Einträge und Multimedia-Purzelbäume machen - sich das in punkto Personal, Kosten, Zeitaufwand nicht mehr ausgehen kann. Nicht zuletzt, was das Zeitbudget des Empfängers betrifft. Wer soll das alles eigentlich lesen, hören, sehen, öffnen, schließen, durch- und mitdenken? Overload. Ich geh‘ jetzt wieder ins Bett. Beim zweiten Mal Aufstehen fällt mir dann ein kluger Artikel von Christian Lindner in die Hände. Titel: "Das Ende von mehr, mehr, mehr". Der ehemalige Chefredakteur der deutschen "Rhein-Zeitung" vertritt die These, dass wir an einem Übermaß an Quantität leiden, zugleich aber auch an einem Mangel an Qualität. "Wer in der magischen Mühle der Medienproduktion steckt", so Lindner, "der kann nicht mehr ermessen, wie die Flut der Information ankommt - da draußen, im normalen Leben." Es herrsche unter den Professionisten eine merkbare Verdrängung, aber auch Verunsicherung. "Dass unsere Branche einen anderen, neuen und besseren Journalismus braucht, ist spürbar." Aber welchen? Studientouren für Verlags- und Redaktionsmanager nach Amerika, weiß Journalist Lindner, sind gut gebucht - die Umsetzung zuhause bleibt Einzelkämpfern und dem Zufall überlassen. "Unsere Branche denkt und handelt unverändert in den Grenzen eines Geschäftsmodells, das 150 Jahre alt ist", wird Joachim Dreykluft, Chef des Medien-Zukunftslabors HHLab in Hamburg zitiert. Nochmals Lindner: "Uns dämmert die Erkenntnis, dass wir mit Print und zu lange auch mit dessen digitalen Klonen nicht wirklich Informationen, sondern in Wahrheit ein Ritual verkauft haben: das in den Tagesablauf integrierte abrufbare Gefühl, gut informiert zu sein und so zu dieser Gesellschaft zu gehören."

Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com
Walter Gröbchen ist Label-Betreiber (www.monkeymusic.at), Musikverleger und Autor in Wien. Mehr Kommentare und Kolumnen auf seinem Blog groebchen.wordpress.com

Nun, wo es auf dutzenden, hunderten, ja tausenden Kanälen gleichzeitig zwitschert, summt, leuchtet, schlagzeilt und funkt, ist dieses Ritual nicht mehr nötig. Es braucht ein "weniger, wertvoller, weiser", meint Christian Lindner. Medienmacher und Produkte, die ihrem Publikum aufzeigen: "Das haben wir für Sie gefunden, das könnte Folgendes für Sie, Ihr Leben und unser Land bedeuten, das sollten Sie kennen." Diesen einen Gedanken nehme ich heute mit in den Tag. Einen einzigen.