Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald
Hans-Paul Nosko, geb. 1957, lebt als Journalist und Glossist in Wien. - © Robert Newald

Es ist wieder einmal Advent. Die stillste Zeit im Jahr zwar, aber nicht, wenn man samstags beispielsweise über die Mariahilfer Straße geht. Wie eine Umfrage erwies, kauft jeder Wiener heuer im Durchschnitt achteinhalb Weihnachtsgeschenke für insgesamt 350 Euro. Dass Bücher diesmal wieder an erster Stelle liegen, ist im Zeitalter des Smartphones doch recht beachtlich. Bereits auf dem zweiten Platz folgen allerdings die Gutscheine, die im Vorjahr die Liste anführten. Verwendungszweck: vornehmlich Bekleidung, Elektrogeräte und Spielzeug. Was sagt uns das? Weitverbreitete Einfallslosigkeit? Bequemlichkeit? Fehlendes Interesse am anderen?

Lauter Gutscheine unter dem Christbaum und sonst nichts, das wäre ganz blöd. Ein Kärtchen von der Lieblingsboutique der eigenen Frau heißt ja doch: "Kauf dir was Schönes, Schatzi, ich hab keine Ahnung, was du gerne anziehst." Und das nach vielleicht zwanzig Ehejahren. Immerhin weiß er, wo sie gerne shoppen geht. Ein Gutschein aus dem Baumarkt für den Göttergatten wäre da die logische Retourkutsche. Neue Bohrmaschine oder so. Und die Kinder dürfen ins Spielwarengeschäft gehen und sich selbst was aussuchen. Romantik sieht anders aus.

In jüngster Zeit hat sich allerdings auf dem Gutscheinsektor eine neue Bewegung gebildet. Ich kenne sie zwar erst von Geburtstagsfesten, aber vielleicht hat sie mittlerweile auf den 24. Dezember übergegriffen: Man schenkt Zeit. Eine bewusste Verweigerung des Konsumterrors, dem die Menschen sich in einer Zeit ergeben haben, als der ökologische Fußabdruck noch nicht erfunden war. Das Zeitgeschenk kommt meist in Form eines netten Kuverts daher, in dem ein nettes Kärtchen steckt, auf dem dann mit Füllfeder geschrieben steht: Ich schenke Dir Zeit mit mir. Beispielsweise eine Wanderung an einem Tag Deiner Wahl, ein Abend im Kaffeehaus, wie auch immer. Eh schön. Aber zu derartigen Unternehmungen kann man sich auch schlicht verabreden, ohne Kuvert und offenkundigen Hinweis auf die eigene Konsumverweigerungshaltung.

Keine Frage: Von einem Pulli, der unter menschenunwürdigen Bedingungen produziert und anschließend um den halben Erdball geschickt wurde, sollte man Abstand nehmen. (Textilien kommen übrigens gleich nach den Gutscheinen auf der weihnachtlichen Beliebtheitsskala.) Und Zeit ist ein kostbares Gut, was man sich durchaus hin und wieder bewusst machen muss.

Trotzdem freue ich mich über "richtige" Geschenke. Nichts Großes oder Teures und schon gar nicht toll verpackt, aber eben etwas Persönliches. Und ich schenke auch selbst gerne. Unter Bedachtnahme auf Umwelt und soziale Bedingungen, versteht sich. Am meisten Spaß macht mir dabei, wie wohl den meisten Menschen, das Planen und das Aussuchen. Die "Achteinhalb"-Grenze habe ich bereits überschritten, bei 350 Euro bin ich noch nicht angelangt. Wandern gehe ich übrigens auch ab und zu, und ins Café sowieso.